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Fish Tank, GB 2009 Regie und Buch: Andrea Arnold Hamburg, 22.07.2010 von Jennifer Mather (Jennifer writes for American readers who subscribe to Currents, the magazine of the American Womens' club)
Mia (Katie Jarvis) is fifteen and lives on a sink estate with her mum Joanne (Keirston Wareing) and her little sister Tyler (Rebecca Griffith.). All three drink heavily, smoke and swear enough to make a sailor blush. Add Connor (Michael Fassbinder) to the mix, Mum’s new boyfriend who displays an unhealthy interest in Mia and you know that this movie isn’t likely to have a happy ending.
Placement at a boarding school for problem children and the removal from her dysfunctional family might have been Mia’s salvation. She aspires to become a dancer, however, tears up the information about the school and spends her time gyrating to rap music .When she sees an ad. for an audition for dancers she sends off her C.D. Her dancing dreams are ended when she realises that the audition is for strip club dancers.
Near her home a caravan is parked on waste land and a horse is tethered close by. Three unruly teenagers live in the caravan and attack Mia when she tries, for reasons unexplained, to set the horse free. She becomes a friend of sorts to the least aggressive brother Billy (Harry Treadaway) they drink together and Mia keeps a lookout when he steals a part for his car.
After Connor has committed his criminal act and Mia accepts that a career as a porno dancer is not for her she decides to go away with Billy, who plans a trip to see friends in Wales. Off she goes, perhaps already pregnant but almost certainly condemned to continue the cycle of misery she was born into.
British audiences devour T.V soaps showing families like Mia’s every night of the week, albeit without the obscene language and graphic sex, so it seems strange that director Andrea Arnold should make a movie in the same vein and then find it praised so extravagantly. Fish Tank was given the Jury Prize in Cannes in 2009 and received an outstanding British Film Award in 2010. This is a movie about hopelessness and it is uncomfortable to watch, partly because of the subject matter but also because much of it was filmed with a hand held camera. If you want a fun evening at the movies then give this one a miss.
The Doors When You’re Strange, USA 2010 (Dokumentarfilm) Kinostart: 01.07.2010 Regie und Buch: Tom DiCillo Hamburg, 22.06.2010 von Franz Witsch
Eine beeindruckende Dokumentation über eine der einflussreichsten Rockbands. Sie war bis 1971, dem Todesjahr von Bandleader Jim Morrison, wohl der lebendige Beweis dafür, dass populäre Kunst, die nachhaltig gegen den Zeitgeist bürstet, möglich ist. Das tut die Musik der Doors noch heute, mag sein als das schlechte Gewissen heutiger Zeitgeistmusiker. Morrison verweigerte sich nicht bedingungslos, doch er wusste, mit wem er es zu tun hatte. Daran ändern auch all seine Exzesse nichts. Sie beweisen vielleicht nur, dass er sich dem Anspruch, “alternativ” zu sein, nicht gewachsen fühlte. Er selbst bezeichnete sich als kommunikativen Analphabeten – seinem Vater gar nicht unähnlich, nur dass er dieses Defizit ziemlich schnell und leider bis zum bitteren Ende im Alkohol ertränkte.
Bergfest, Deutschland 2010 (Kinostart: 08.07.2010) Regie und Buch: Florian Eichinger Hamburg, 12.05.2010 von Franz Witsch
Hannes (Martin Schleiss), ein junger Schauspieler, bewegt sich, seine behinderte Freundin Ann (Anna Brüggemann) auf dem Arm, einen für sie etwas zu steilen Hügel hinauf, mühsam durch den tiefen Schnee der Alpen, auf dem Weg zur Berghütte seines Vaters Hans-Gert (Peter Kurth), der dort für ein Wochenende mit seiner knackigen Freundin Lavinia (Rosalie Thomass) ausspannen möchte. Ausspannen? Von wegen. Ann möchte den Vater ihres Freundes kennenlernen; der Sohn wiederum ist auf seinen Vater nicht gut zu sprechen. Doch lässt er sich schließlich auf einen Versöhnungsversuch ein, den der Vater, ein berühmter Bühnenregisseur, mit seinem Sohn vor allem aus beruflichen Gründen sucht. Ist der Sohn doch ein aufgehender Stern am Theaterhimmel. Ein Vertragsangebot des Vaters soll denn auch der Versöhnung nach acht Jahren Beziehungsabstinenz auf die Sprünge helfen.
Vergeblich. Wesentlich ist, dass die vier Helden zum einen kaum etwas von Substanz voneinander wissen und zum anderen, was noch viel schlimmer ist, gar nichts voneinander wissen wollen. Allein, sie haben ein voyeuristisches Interesse, das den anderen zu oft ins Unrecht setzt: Missbrauch, das große Thema des Films, ein universelles Thema, das der Film äußerst sympathisch umsetzt, vor allem ohne die Figuren zu denunzieren. Denn man kann kritisieren und zugleich lieben; ja vielleicht kommt das eine ohne das andere nicht aus? Vor allem überdramatisiert der Film nicht und ergeht sich schon gar nicht in Rührseligkeiten. Zumal die Szenen ohne die üblichen musikalischen Gefühlsverstärker auskommen. Das erfordert den/die versierte Schauspieler/in.
Als Schauspieler glauben unsere Helden, bis in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele vorzudringen; Tag für Tag müssen sie das machen. Doch welche Abgründe sollen das sein, wo sie doch kaum in der Lage sind, auch nur einen Satz von Substanz auszutauschen, wenn es um ihre persönlichen Belange geht? Dazu müsste man wissen, was das ist: persöhnliche Belange. Das, was die Beteiligten sagen und machen (es geht nicht nur um den Vater-Sohn-Konflikt, auch wenn dieser alles anstößt), zieht aber immer nur noch mehr Verletzungen nach sich. Sie suchen daher Verbindung im Spiel; oder soll man sagen: Ablenkung? Mit Metaphern kennen sich alle aus, so gut, dass sie am Ende immer weniger bedeuten; das bringt der Beruf des Schauspielers gefährlich mit sich. Die Metapher muss vor allem schmücken: die eigene Person gegen eine andere Person in Stellung bringen. Dann werden Sätze zu Waffen, unmerklich, so eine persönliche Notiz des berühmten Fassbinder, die der Vater stolz umher zeigt und vorliest, ohne zu sagen, was er will. Das sagt er die ganze Zeit nicht. In Wirklichkeit buhlt er um die Anerkennung seines Sohnes; er kann ihm nicht offen ins Gesicht sagen, wie es um ihn selbst bestellt ist, und was er deshalb von ihm will. Dieser alte 68er-Sack.
Mit dem Sohn sieht es anders, aber kaum besser aus: er sei ein Träumer, muss er sich von der Freundin seines Vaters sagen lassen, nachdem sie ihn in einer ausgesprochen gut gelungenen Szene buchstäblich ins Bett zerren musste. Vielleicht wollte sie sich mal ein paar Intensitäten verschaffen ohne mühsame Schlangenbeschwörungsversuche? Mal entspannen dabei. Nach gelungenem Vollzug wendet er sich weg von ihr; mit Schuldgefühlen in der Magengegend. Sie reagiert, der Pubertät kaum entwachsen, viel unkomplizierter. Sie stellt nur laut Mutmaßungen in alle möglichen Richtugen an, noch nicht einmal von oben herab: was mag in ihm wohl alles vorgegangen sein? Und welche Motive mögen bei ihm im Spiel sein? Die Antwort muss sie sich selbst geben: alles und nichts, also nix weiter. Eine schöne Szene.
Und währenddessen sie laut so vor sich hinmurmelt, grübelt sich der Junge buchstäblich um seine Existenz: die Lüge – systematische Intransparenz – schreibt sich gerade in seine Gesichtszüge ein. Man sieht es ihm an. Seine Freundin wird ihm in Zukunft nicht mehr glauben, wenn er sagt, dass er sie liebe, dass mit der Freundin seines Vaters nichts gewesen sei, blabla. Nur dumm, dass sie dieses Misstrauen sich selbst gegenüber nicht wahrhaben möchte; schließlich gären in ihrem Bauch nur unbewiesene, wenn auch höllische Mutmaßungen. Das wird die Zukunft unseres jungen Paares womöglich vergiften. Davon spricht der Film allerdings nicht mehr. Das soll der Zuschauer vielleicht ganz still vor sich hin phantasieren.
Mein Herz sieht die Welt schwarz. Eine Liebe in Kabul, Dokumentation, Deutschland 2009 (Kinostart: Februar 2010) Regie: Helga Reidemeister Hamburg, 14.01.2010 von Franz Witsch
Ich glaube, ich habe lange nicht mehr einen so schönen Film gesehen. Er dokumentiert in ruhigen Bildern sehr eindrucksvoll die Liebe zweier Menschen in Afghanistan, die es schwer hat, sich gegen die mittelalterlichen Konventionen durchzusetzen. Ausgerechnet die beiden Familien wollen das Glück mit allen Mitteln verhindern. Doch wehren sich die Liebenden hartnäckig. Das und noch viel mehr beobachtet die Kamera sehr feinfühlig, ohne die Spur von Aufdringlichkeit. Zuweilen fällt der Blick auf die Landschaft und kleine Verrichtungen der Beteiligten, tonlos, eine Katze, die einen Buckel macht, Zeit, in der der Zuschauer zu sich selbst findet.
Die Familien mögen die Liebe um alles in der Welt nicht akzeptieren; und doch werden die gegensätzlichen Positionen auf ungezwungene und wahrhaftige Weise formuliert, durch lange Einstellungen und eine minimalistische Kameraführung in die Traumwelt des Betrachters integriert; als gäbe es eine Utopie der Bilder: man ist geneigt zu glauben, dass die Positionen in gegenseitiger Akzeptanz aufeinander prallen. In Wirklichkeit kommen die Kontrahenten sich bis zum Ende des Films nicht näher.
Es ist ein Antikriegsfilm, ohne dass ein einziger Schuss fällt, ohne dass ein einziger Soldat gezeigt wird. Vielleicht wird aber gerade deshalb deutlich, dass der Krieg dazu führt, einen Diskurs um Werte und Moral im Land zu ersticken. So etwas können wir nicht wollen. Oder vielleicht doch?
Avatar – Aufbruch nach Pandora, USA 2009 (Kinostart: 17.12.2009) Regie: James Cameron Hamburg, 23.12.2009 von Oliver Schumann
Regisseur James Cameron setzte mit seinen Filmen anerkannte Standards in der neueren Filmgeschichte, – technisch, wie ikonografisch. Mit u.a. “Aliens” (1986), “The Abyss” (1989), “Terminator” (1984) und “Terminator-2 – Jugement Day” (1991) sowie “Titanic” (1997) zog er den Kinogänger immer wieder ins Geschehen. Dabei überwog die spekulative Phantastik in seinen prägenden Science Fiction-Erfolgen, abgelöst von unmittelbarer Dramatik, zuletzt in Titanic, einem der erfolgreichsten Kinofilme überhaupt. Darüber hinaus liegt Camerons Interesse in der Erforschung großer Schiffswracks, wie dem der Titanic oder des deutschen Schlachtschiffs Bismarck, und der Tiefsee, gekoppelt mit seiner Leidenschaft für 3-D-Kamerasysteme. Diese Passionen bescherten uns zuletzt dreidimensionale dokumentarische Filmproduktionen, vor allem gemacht für IMAX-Theater.
Mit “Avatar – Aufbruch nach Pandora” (im Weiteren einfach Avatar) knüpft Cameron an sein inszenatorisches Werk an. Er erfüllt sich mit diesem Mammutprojekt eine alte Vision und ein sich über Jahre entwickeltes Vorhaben. Das fertige Produkt setzt nun abermals Parameter in punkto Kinoerlebnis und filmtechnische Kapazität, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. Das tut es deshalb nicht, weil unsere Sehgewohnheiten längst als gegeben hinnehmen, was Cameron uns (auch) bietet: Hochauflösende Bildqualität, hyperrealistisch aussehende Wesen und Gegenstände sowie funktionierende plastische Räumlichkeit (RealD 3D). Doch sollte sich der gemeine Kinogänger nicht täuschen lassen!Bei Avatar verhielt es sich so, dass eine Idee auf das „technisch Machbare“ warten musste, – ein Beleg für die enorme Manpower, Rechnerleistung und Innovation, die in dieses Produkt eingeflossen sein müssen! Namentlich handelt es sich vor allem um das mit „Performance Capture“ bezeichnete Verfahren, welches zuvor gespielte Gesichtsausdrücke auf die computergenerierten Alien-Antlitze überträgt. Cameron wäre nicht Cameron, wenn sein Anspruch nicht State-of-the-Art verlangte. Das Ergebnis ist dann auch – visuell – spektakulär!
Die Technik, und damit verbunden das (auf der Leinwand) Sichtbare, ist das Eine. Das Andere ist der Inhalt, die Geschichte. Zum technischen Aspekt sagt Cameron: “Die Technologie hat ein so hohes Niveau erreicht, dass sie völlig unsichtbar wird. Was bleibt ist die Magie...das Gefühl, dass man wirklich vor Ort ist, dass die Geschichte, die Charaktere und ihre Emotionen real sind.” Und zum Inhalt konstatiert er: “Alles reduziert sich immer auf die Frage: Haben wir hier eine gute Geschichte? Über die Charaktere wird man diskutieren, ob sie nun menschlich oder außerirdisch sind, und über die Reise, die sie antreten.” Es zeigt sich auch bei diesen Zitaten, mit welchem Anspruch er arbeitet. Was die technische Finesse angeht hat er, wie gesagt, sein Ziel bravourös erreicht. Trifft das aber auch auf die Geschichte zu?
Wiederum auf den ersten Blick darf man enttäuscht sein. Der überwältigenden visuellen Wucht steht eine vermeintlich simple Story gegenüber: Die Menschheit braucht zum Funktionieren von Infrastruktur auf ihrem heruntergekommenen Heimatplaneten ein extrem seltenes, und somit wertvolles Mineral (hier Unobtainium genannt). Dies existiert auf einem Mond, Pandora, in einem anderen Sonnensystem. Minenarbeiter sind vor Ort, um es abzubauen, Soldaten, um die Ausbeutung zu sichern. Unter der Oberaufsicht des mächtigsten terrestrischen Privatkonzerns, der „RDA“, gelingt diese Aufgabe seit etwa 30 Jahren in einer für Menschen lebensfeindlichen Umgebung (Atmosphäre, Tier- und Pflanzenwelt). Der größte Störfaktor ist dabei eine fremde menschenähnliche, intelligente Lebensform. Eine Konfrontation ist lediglich eine Frage der Zeit.
Cameron bringt uns diese Erzählung näher, indem er uns am Schicksal eines Individuums teilhaben lässt. Ein (Menschen-) Soldat trifft auf Pandora ein. Gleichsam lernen wir diese für ihn neue Welt aus seiner Haltung, nämlich der der Ausbeuter und ihres Auftrags, kennen. Mittels biologischer Adaption, sprich unter Verwendung eines den Ureinwohnern ähnelnden Avatars, soll der Protagonist diese, sich „Na'vi“ nennende Stammesgruppe, genau studieren, um sie dann, im Sinne des Rohstoff gewinnenden Konzerns, manipulieren zu können. Dieser Plan schlägt fehl, weil der Menschenheld, ein Ex-Marine namens Jake Sully (Sam Worthington), ab einem gewissen Punkt universale Lebenswerte (an)erkennt, die höher stehen, als der ökonomische Nutzen des Abbauprodukts. Sully stellt sich gegen seine Auftraggeber, ja gegen seine Lebensform samt deren Lebensprinzip (Ausbeutung der Natur zur Fortentwicklung der Lebensqualität)!
Camerons Geschichte erweist sich als eine uralte. Sie spiegelt sowohl die „Zivilisierung“ der Menschheit an sich (Verbesserung der Lebensbedingungen, auch unter Vernichtung schwächerer Lebensformen), als auch die Erkenntnisfähigkeit des Intellekts, die grundsätzlich weit reichende Folgen haben kann. Diese, in unsere Spezies eingepflanzten Erfahrungen, werden dem Publikum mit Avatar in einem zeitgemäßen Kostüm vorgeführt. Camerons Science Fiction-Variante entwirft, wie alle Vertreter des Genres, die Vision einer „Welt“, wie sie sein könnte, wenn wir es nicht schaffen uns zu ändern. Sie beinhaltet eine vertrocknete und verdreckte Erde (die nicht gezeigt wird) und den uns innewohnenden Trieb den eigenen Lebensraum um jeden Preis erhalten und gestalten zu wollen; zweifelsohne und letztlich folgerichtig mit den Untugenden von Machstreben, Kadavergehorsam und Gier als Triebfeder.
Konkret verbindet Cameron die Saga um Eroberung, Landnahme und Rohstoffgewinnung (Kolonialisierung) mit einer Lovestory unter Ungleichen, die als Katalysator für den Erkenntnisgewinn dient. Er präsentiert damit einen Kolonialisierungssubplot, wie er sich zuhauf in der vor- und frühindustriellen „Welteroberung“ durch europäische Großmächte zugetragen haben wird, und nicht nur hier. Lediglich die Individuen und die Landschaft sowie der Abstand zwischen technischer Entwicklung auf der einen, und unentwickelter Natureingebundenheit auf der anderen Seite, sind in dieser exotischen, außerirdischen Welt anders, - funktional gibt es keine Unterschiede. Die Konstellation erinnert an die Thesen Erich von Dänikens, der mit seinem Thema der „Prä-Astronautik“ postuliert, dass hoch-technisierte Außerirdische unseren Planeten vor Urzeiten besucht haben.
Camerons narrative Grundkonstellation ist also alles andere als neu. Sie hält dennoch Potential, wenn unsere Zivilisationsgeschichte im Kern einmal mehr jetzt, zu Beginn des 21.Jahrhunderts erzählt wird: Die Wahl dieses geradezu alttestamentarischen Themas in der heutigen Zeit hinterfragt nämlich nachdrücklich seine Gültigkeit. Besonders auch durch die inhaltlichen Innovationen, ohne die Cameron – erst recht bei dieser Genrewahl – nicht auskommt. Sie finden sich in zwei Bereichen. Der eine betrifft die Lebensorganisation der fremden Welt oder zumindest eines Biotops des fremden Himmelskörpers. Der andere berührt die Philosophie, denn es werden ethische Fragen aufgeworfen. AVATAR beinhaltet also eine Meta-Ebene, die all jene Kinogänger vernachlässigen dürften, denen es primär um Schauwerte, Action und Zerstreuung geht. Für solche Fans bleibt die Geschichte „banal“, – eine enttäuschende Einschätzung, die allerdings durch den optisch-technischen Perfektionismus des Kinoerlebnisses Versöhnung erfährt.
Zu Innovation Nr.1, die Lebensorganisation der fremden Welt. Die Wissenschaftler, die parallel zur Rohstoffplünderung durch ihren Arbeitgeber den fernen Lebensraum erforschen, dabei das Avatar-Programm betreiben und innerhalb dessen Missionierungsarbeit absolvieren, entdecken die Grundlagen der biologischen Vernetzung dieser Welt. Demnach ist alles mit allem durch synapsenartige Kontaktstellen verbunden bzw. verbindbar. Lebewesen können sich koppeln, so wie man elektrische Geräte mit Kabel und Stecker zusammenschließen kann. Kennzeichen dieser ganzheitlichen Verbindung(en) ist eine allgemeine Bioluminiszenz, also phosphoreszierende Pflanzen oder auch leuchtende Punkte in Gesicht und am Körper der Na'vi, die besonders in Dunkelheit zur Geltung kommen. Das Herz, besser Gehirn, dieses Systems bildet ein weidenartiges Baumwesen mit (an Glasfaser erinnernde) leuchtenden Zweigen, das den Na'vi zugleich als spirituelles Zentrum dient. Hier bietet uns Cameron Szenen, die ins Esoterische reichen, wenn er – Achtung Spoiler – den Baum als akustischen Speicher der Na'vi-Ahnen präsentiert oder die Pflanze schließlich Seelenwanderung zwischen Mensch und Na'vi zelebrieren lässt. Die Interpretation der Gaia-Idee ist frisch und schlüssig, und passt zu unserer Zeit der elektronischen Vernetzung. Auf dem technikfreien Mond geschieht das nicht per Funk, sondern noch ganz physikalisch, dafür dann aber gezielt, solide und effizient. Das Thema geschlechtliche Vereinigung wird jedoch nur gestreift, es bleibt offen. Das gilt erst recht für die Fortpflanzung der Humanoiden, - ein prinzipiell wichtiges Thema, das nicht thematisiert wird. Das war bei "Alien" noch anders, Arterhaltung war dort die Grundlage des Plots.
Zu Innovation Nr.2, die ethische Dimension. Ganz unzweideutig erzählt uns Cameron mit seinem willenstarken Helden ein Drama über Erkenntnis, Positionswechsel, Revolte und Führungsstärke. Literarische Dramen erfordern den Wandel, ja die Kehrtwende des oder der Protagonisten. Neu sind hier die Inhaltswerte und die Erkenntnismotivation. Der Held ist nicht als solcher vorbestimmt, er agiert nicht aus wirtschaftlichen Interessen und ihn treiben keine Macht-Ambitionen. Vielmehr folgt er einem tugendhaften Gegenentwurf zu den erwähnten Untugenden, die die RDA mit (fast) allen involvierten (= angestellten) Menschen, bei der Ausbeutung der Mondressourcen antreibt. Genau diese Konstellation bewirkt Fragen wie: Ist es Recht Lebensraum zu zerstören? Sind Kulturen schwächer, wenn sie nicht-technisch sind? oder: Heiligt der Zweck die Mittel?
Sully tritt als Antiheld auf, zunächst ganz der disziplinierte Marine, allerdings an den Rollstuhl gefesselt, der völlig unvorbereitet in seine Mission überstellt wird. Er beginnt seinen Dienst aufgeschlossen und offen, voller Tatendrang und Lernbereitschaft, nicht zuletzt, weil er als Avatar physisch potent agieren kann. Eine Schicksalsbegegnung mit der „Häuptlingstochter“ – und das ist Dramaturgie pur – bringt ihn den Außerirdischen näher. Durch das intensive Kennenlernen der äußeren und inneren (Mentalität und Spiritualität) neuen Welt, und nicht zuletzt durch romantische Liebe zur Gefährtin, beginnt sein Erkenntnisprozess. Am Ende ist Sully, als sein aktives Avatar-Pendant, zum führenden Verteidiger der Neuen Welt aufgestiegen. Dramaturgisch betrachtet ist dieser Werdegang definitiv klassisch (wie könnte das bei einem Hollywood-Großprojekt auch anders sein).
Aber Cameron schafft mit seiner Heldengeschichte ein Rollenmodell, das in einer Zeit erstrahlt, in der die Weltwirtschaftskrise und die Erderwärmung globale Themen darstellen. Themen die menschengemacht sind und von denen man annehmen darf, dass die oben genannten Untugenden deren Ursache ausmachen. Dafür steht die RDA, samt seiner Manager und Erfüllungsgehilfen. Sully und „seine“ Wissenschaftler stehen für die Ökologen, für die Bewahrer der Schöpfung und nicht zuletzt besonders für alle, die sich gegen Raubbau in der Natur und Gewinnmaximierung erheben. Eben Menschen, die das Ganze sehen, die durch Mut, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für ihre Sache einstehen und mit Willen und Durchhaltefähigkeit einen Sieg, wie David gegen Goliath, erreichen. Damit rückt Cameron tagesaktuell ganz nah an global-existentielle Entwicklungen und seine Story erhält im politischen Sinn doch noch eine avantgardistische Färbung (die oben erwähnte Meta-Ebene).
Nach dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen bekommt Camerons Vision weiteres Gewicht. Ein Prequel könnte das verarbeiten: Die Erde erwärmte sich und verwüstete; aus Mangel an Öl errichtete ein großer Konzern ein auf supraleitender Magnettechnik basierendes Verkehrsnetz. Dafür brauchte man das seltene Unobtainium, das man anderswo im Sonnensystem entdeckte. Auf Pandora fand man es in großen Mengen, so dass sich ein Abbau „rechnete“. Mit dem organisierten Schürfen begann der Konzern im Jahr 2124. Dumm nur, dass die Eingeborenen Na'vi die RDA 30 Jahre später von ihrem Mond vertrieben. Plötzlich ist guter Rat teuer. Man hätte sich definitiv in Kopenhagen besinnen sollen, denn die Erde ist endlich und der Mensch ist auf sie angewiesen. - Es ist Zeit aufzuwachen. Avatar beteiligt sich am Weckruf.
Plastic Planet, Österreich, Deutschland 2009 (Kinostart: 25.02.2010) Regie und Drehbuch: Werner Boote Hamburg, 07.12.2009 von Franz Witsch
Freiheit ist, wenn Konzerne die Menschen für blöd verkaufen dürfen. Ich finde, so etwas müsste Straftatbestand werden wie Schwarzfahren, Volksverhetzung oder Hakenkreuzschmiereien. Fest steht, Plastik ist gemeingefährlich; es liegt uns buchstäblich schwer im Magen; abgesehen davon es nachweislich Hoden und Gebärmutter in Mitleidenschaft zieht. Verdrängungskünstler John Taylor, ehemaliger Präsident von PlasticEurope, sieht und hört einfach weg, wenn er spricht. Als er merkte, es wird eng, verweigerte er die weitere Unterhaltung; pardon, doch nicht ganz: anstatt die Aussage wie üblich ganz und gar zu verweigern, schickte er einen weichgespülten Kommunikationsprofi. Allein diese Stelle macht den Film sehenswert, obwohl – zum Lachen ist das nicht.
Weltstadt, Deutschland 2008 (Budget: 18.000 €; Kinostart: 05.11.2009) Regie: Christian Klandt Hamburg, 03.11.2009 von Franz Witsch hier: runterladen als PDF-Datei
“Colón (Kolumbus, der Entdecker Amerikas, F.W.) spricht nur deshalb von den Menschen, die er sieht, weil auch sie letztendlich zur Landschaft gehören.” (Tzvetan Todorov aus: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frf./M. 1985, S. 47)
“Mehr als ein Drittel seiner Hautoberfläche ist verbrannt. Mehr als zehn Mal musste er operiert werden. Bis heute bedarf Jürgen W. ärztlicher Hilfe. Die beiden jungen Männer, die ihm dieses Leid zugefügt haben sollen, sind gestern vom Landgericht Frankfurt zu langer Haft verurteilt worden”, so die Märkische Oderzeitung vom 30.03.05.
Geschehen ist das Verbrechen in Beeskow, einer norddeutschen Kleinstadt von 9000 Einwohnern, dem Geburtsort des Filmemachers. Sein Film zeichnet diesen einen Tag der Tat nach, an dessem Ende Minuten der Gewalt sich so besinnungslos wie sinnlos nach außen richten. Vielleicht dass der Weg ins Innere blockiert ist; vollkommen ausgeschabt weist es eine Oberfläche der Aufzeichnung, auf der innere Monologe – Worte und Sätze – haften würden, nicht mehr auf, so dass im Innen konstruierte Wortbilder sich nur noch allzu flüchtig bilden, als dass sie ihren Weg nachvollziehbar zu einem Hörer oder Leser fänden.
Zur Unsichtbarkeit verurteilt ist das Innen(-leben), wenn es sich denn überhaupt entäußert, auf Gewalt gepolt, die den anderen in jedem Fall als Kommunikationspartner nicht mehr wahrnimmt, als sähe sie, die Gewalt, den Grund ihrer Existenz in sich selbst. Nun, wen außer ihresgleichen sollten die da unten auch wahrnehmen? Schließlich haben sie selber schuld: in der deutschen Unterschicht werde das Geld versoffen, so Heinz Buschkowsky, Berliner Bezirksbürgermeister und Sozialdemokrat aus dem Multikulti-Stadtteil Neuköln. Und unsere Superökonomen sorgen dafür, dass solche Reden eine wissenschaftliche Weihe bekommen: “Es sei der Sozialstaat, der die Unterschicht überhaupt erst hervorgebracht habe”, so Hans-Werner Sinn laut Welt-Online (SID-GFS). Dünnbrettbohrer Peter Sloterdijk treibt diese Hetze in einem Spiegel-Interview vom 26.10.09 (SLP-EZG) noch auf die Spitze, ohne dass man unterstellen kann, dass mit ihm nur die eine oder andere Metapher durchgegangen sei, weiß er diese doch, wie sich gleich herausstellen wird, durchaus korrekt zu deuten:
Spiegel: Sie sprechen von “Stolzkultur”. Ist das Ihr ideologischer Kampfbegriff für die Besserverdienenden? Sloterdijk: Ich interessiere mich nicht für die Besserverdienenden, sondern für alle, die genug verdienen, damit sich bei ihnen der fiskalische Zugriff lohnt. Stolz ist außerdem kein Kampfbegriff. Es ist ein Weckruf, der darauf hinweist, dass die Gesellschaftsmaschine bis auf weiteres nur von den Leistungen der Steueraktiven lebt, und die bilden eine relative Minderheit. Leider hat man bei uns die Tatsachen und die Zahlen in den Keller gesperrt. Rund 25 Millionen Menschen zahlen in Deutschland in nennenswertem Umfang Steuern, sofern man von den Konsumsteuern absieht. Rein fiskalisch gesehen sind diese 25 Millionen Leistungsträger, die den Rest der 82-Millionen-Population in Deutschland mittragen. Nicht nur Junge und Alte, was völlig in Ordnung ist, sondern auch ein wachsendes Heer an Leistungsfernen, die, da sind sich die Experten einig, tendenziell nie wieder in der Leistungszone auftauchen werden, weil sie durch das Transfersystem in eine maligne Abhängigkeit getrieben werden. Spiegel: Maligne bedeutet in der Medizin bösartig. Sloterdijk: Bösartig ist, was sich weder von selbst noch durch die laufende Behandlung bessert (...)
Da brauchen wieder einmal Millionen von Menschen eine Behandlung, die sie von anderen Menschen unterscheidet; doch nicht etwa eine Sonderbehandlung? Die obigen Zitate lassen sich, wenn überhaupt, leider nur noch so kommentieren. Warum wundert sich Sloterdijk eigentlich, dass Jürgen Habermas noch nie Lust hatte, sich mit ihm auseinander zu setzen? Ich glaube, in Habermas wirken, bei aller Kritik, die ich an ihm habe, noch ein paar Geschmacksnerven, vor allem aber die Fähigkeit zur Analyse: sich teilnehmend in andere Menschen, die er nicht kennt, hineinzuversetzen, während Sloterdijk glaubt, sich ernsthaft mit Kollege Axel Honneth (vgl. HOA-FTK, MAR-ICH) erst auseinandersetzen zu können, wenn dieser zuvor, wie aus obigem Spiegel-Interview hervorgeht, einen “Lektüre-Rückstand von 6000 bis 8000 Seiten in Bezug auf meine Arbeit” nachgeholt habe. Eine solche Äußerung, man muss sie schon infantil nennen, verschlägt einem buchstäblich die Sprache.
Doch es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn es nur um ein zu selbstbezügliches Verhalten bei einem einzelnen erwachsenen Menschen ginge. Die Folgen sind ernster: das ausgeprägte Talent Sloterdijks zur visuell-sprachlichen Beschwörung der eigenen Person vermag darüber hinaus über die Unfähigkeit hinwegzutäuschen, andere Menschen (die ich aus der Entfernung kenne) hinreichend wahrzunehmen – mit der Folge, dass Sündenbockphilosophien, resp. öffentliche Hetze gegen Minderheiten Tür und Tor geöffnet werden. Dabei ist Sloterdijk nur ein besonders anschauliches Beispiel für einen Narzissmus, der schon lange zu einem öffentlichen Massenphänomen geworden ist: so seht doch, ich leiste etwas durch “meine” Arbeit, ja, ich darf mich sogar Elite nennen, und da sind die anderen, die “alles” zunichte machen, so dass sich “meine” Arbeit nicht mehr lohnt; eine kranke, ja gemeingefährliche, dazu entpolitisierende Mentalität, die sich selbst im sogenannten Prekariat breit macht, also unter Menschen, die eigentlich gar nichts mehr zu verlieren haben und dennoch politisch nicht gemeinsam zu handeln vermögen. Im Gegenteil; eher schlägt der eine den anderen tot.
Wir wissen von den Judenpogromen der Nazizeit, dass tagtägliche, zumal vielstimmige Hetze vor allem wiederum Wahrnehmungsstörungen zur Folge hat: bei den Opfern; sie trauen ihren eigenen Worten nicht mehr; sie haben Probleme, über sich und was mit ihnen passiert (ist) zu sprechen, zumal wenn sie jeden Tag aus berufenem Mund zu hören bekommen, dass sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind. Obwohl es vielleicht etwas zu erzählen gäbe, andere Geschichten als die, die man jeden Tag zu hören bekommt; geheime Geschichten, wohin man sieht, Unerhörtes: ungehörte Geschichten, die den Anderen im eigenen Innen(-leben) natürlich wahrnehmen würden, die heute, noch eher defensiv, d.h. noch nicht unmittelbar auf Mord und Totschlag aus, von ausdünnenden sozialen Strukturen der Verheißung zeugen; deren Geschichten enttäuschten zwar schon seit jeher, finden aber dennoch immer wieder ihre Erzähler, zumal die Nachricht, dass Gott tot ist, und wir auch keine narzisstischen Führer mehr brauchen, noch unterwegs ist (Nietzsche). Es ist zu hoffen, dass deren latente Abwesenheit, über die sich Arnulf Baring immer so schön beklagt, die “strukturelle Gewalt”, die uns die Sprache verschlägt, für immer mehr Menschen immer offensichtlicher werden lässt.
Die Frage ist, was das für Strukturen sind, die Gewalt ausüben, wenn zugleich von ihrer Ausdünnung: der Abwesenheit ihrer Geschichten, die Rede ist? Man sieht sie eigentlich immer schon nur unscharf, spiegeln sie sich doch in den Geschichten eines (Innen-)Lebens, das nicht zu sich selbst kommt, durch Sprache hindurch, zumal das Innenleben in Sprache nicht ohne weiteres übersetzbar ist und sich daher in dieser schnell verraten: peinlich berührt fühlt. Wenn Wolfgang Schäuble sich für einen sozialen Politiker hält, dann nur deshalb, weil er nicht weiß, dass er von den Geschichten, die die Armut unerhört schreibt, nichts wissen will oder in seiner Funktion als Minister das in ihm Ungeschriebene nicht preiszugeben wagt. Es würde nur peinlich berühren, so wie das, was Geißler heute zu erzählen weiß, zu seiner Vergangenheit nicht passt. Schäuble wäre mit Geißlers heutigen Geschichten die längste Zeit Minister gewesen, eine Form von (struktureller) Gewalt, die sich freilich nicht gegen den Minister richtet, sondern gegen die, für die er angeblich Politik macht.
Und doch bringt unsere Zeit fast zwangsläufig immer mehr junge Filmemacher wie Christian Klandt hervor, denen es nicht peinlich ist, das bisher Unerhörte, das sich mit und in der strukturellen Gewalt verbirgt, in bewegte und bewegende Bilder zu bannen; für Menschen, nicht nur für die Täter, selbst Kinder der Gewalt, die es nötig haben, zur Gewalt zu greifen, weil ihre Worte ganz konsequent den Weg zu einem Außen nicht finden. Obwohl es immer mehr Menschen bitter nötig hätten, das, was sie jeden Tag machen, den ganz normalen Wahnsinn, in Worte zu bannen, um darin sich selbst und den Anderen sichtbar zu machen. Mehr zu sehen bereitet, wie der Film zeigt, nicht gerade Vergnügen und vermag dennoch zu berühren. Doch interessiert in der realen Welt – außerhalb des Kinos wie seit jeher diesseits göttlicher Verheißungen – der Andere nur, wenn er, koste es, was es wolle, Vergnügen bereitet: sich für das unmittelbare narzisstische Interesse einspannen lässt. Alles andere ist Teufelszeug. Ja, Kolumbus interessierte sich glühend, mit religiösem Eifer für die Landschaften der neuen Welt, nicht für die Menschen, die in und von ihr lebten, und das gewiss nicht nur deshalb, weil er die Sprache der Indianer nicht verstand.
Filme wie “Weltstadt” sind leider nicht selbstverständlich, denn sie zeigen, was nicht einfach ist, die Gewalt in einem analytischen Licht. Das gelingt, weil der Film den Akzent nicht auf das, was ins Auge springt, auf die grausame Tat, in der Menschen um ihr Leben gebracht werden, legt, sondern auf den alltäglichen Wahnsinn um die grausame Tat herum, die, wie sollte sie nicht, alle spontan empört. Vielleicht wäre es ja mal interessant zu untersuchen, ob und in welchen Ausmaß Filme von Michael Haneke wie “Funny Games”, “Caché” oder der gerade angelaufene Gewinner der Goldenen Palme, “Das weiße Band”, analytische Kraft aufweisen, mithin unerhörte Geschichten um das unmittelbar Empörende herum zu erzählen wissen, derart, dass sie den Zuschauer konstruktiv und bewegend zugleich zu erreichen vermögen. Dass ein Film zu rühren vermag, reicht nicht aus. Die Knöpfe, die zu drücken sind, um Gefühle hochzufahren, sind bekannt und mit ein wenig handwerklichem Geschick leicht in Bilder zu übersetzen. Indes bekommen sie ihren (sozialen) Wert erst durch ihre analytische Kraft, die den Zuschauer über das Gefühl hinaus in die Analyse einzubeziehen weiß – mit dem Ziel, Menschen, die er nur aus der Entfernung, also nicht persönlich kennt, wahrzunehmen, und das heißt: für möglich zu halten, dass sie eben nicht nur oder mehr sind als das, was sie auf den ersten Blick auf empörende Weise scheinen.
Nun mag jeder Film allein dadurch analysieren, dass seine Bilder – wie auch immer – einen sozialen Sachverhalt beschreiben. Die Frage ist, ob sie hinreichend analysieren, um im Nahbereich des einen oder anderen Zuschauers etwas zu verändern, was es auch sei. Um sich dieser Frage zu nähern, muss es zunächst ein schlüssiges Kriterium dafür geben, was “hinreichend” bedeutet. Ich möchte vorläufig die folgende Definition wagen: Filme gewinnen hinreichend analytische Kraft erst dann, wenn sie das überall zelebrierte Gut-Böse-Schema hinter sich lassen, nicht weil die Tat nicht böse wäre, sondern weil es zu nichts führt, eine böse Tat für böse zu befinden. Mit anderen Worten: in der beschwörenden Verdopplung einer Eigenschaft steckt keine Analyse, es sei denn, man hält den letztendlichen Zweck, der auf keine weitere Sache mehr zielt, für analysierbar, der darin besteht, (Gegen-)Gewalt gegen den Täter zu rechtfertigen. Strafe hat, wie im übrigen die besinnungslose Gewalttat, sehr viel von einem (Opfer-)Ritual zur Besänftigung des Gewaltopfers an sich; auch des Täters, sofern man das Gewaltopfer in ihm zu sehen vermag. Eine solche Analyse, die den Täter einbezieht, würde allerdings nicht gerade ein schmeichelhaftes Licht auf das ausführende Umfeld der Gegengewalt werfen, z.B. auf ein Land, in dem die Todesstrafe existiert. Kurzum, Gegengewalt lässt sich nur aus einer unmittelbaren (Notwehr-)Situation ohne konstruktiven kommunikativen Kontext rechtfertigen; dieser wäre der Analyse zugänglich. Analysierende Kommunikation wird denn auch folgerichtig immer dann abgewehrt, wenn Menschen sich ungerecht behandelt fühlen, sich quasi in einem Ausnahmezustand der Notwehr wähnen; dann verweisen sie wahrheitsfanatisch unentwegt auf Tatsachen (so seht doch, wie brutal sie sind; wir brauchen ein schärferes Strafrecht). In einem solchen Kontext stirbt jede Kommunikation. Dann muss sie nicht einmal mehr explizit verweigert werden.
Unter dem Aspekt des Tatsachenfetischs könnte man vielleicht fragen, ob Michael Hanekes Filme die Gewalt durch die Art und Weise ihrer durchaus bildgewaltigen Inszenierung insgeheim rechtfertigen, indem sie das durchaus analysierbare Mittel – den sozialen Sachverhalt, die soziale Struktur (wie erreiche ich etwas) – vom nicht analysierbaren Zweck, auf den ein sozialer Sachverhalt zielt, nicht hinreichend trennen, eine Problematik, die ich im ersten Kapitel “Begriffliche Grundlagen” des Buches “Die Politisierung des Bürgers” versucht habe ausführlicher zu erörtern (WIF-DPB, 22-38), und die sich nicht eben mal aus der Hüfte beantworten lässt.
Ohne an dieser Stelle das Ergebnis vorweg zu nehmen, nur so viel: Viele Filmkritiker, die Haneke nicht mögen, kritisieren ihn unter ästhetischen Gesichtspunkten. Sie denunzieren ihn als Ästhetiker. Andere, die ihn mögen, loben ihn ohne Sinn und Verstand über den grünen Klee, weil sie sich von der Ästhetik seiner Filme berührt fühlen, ohne groß zu fragen, wie und was sie transportiert. Wie auch, wenn der Zweck das in der Ästhetik badende Gefühl ist, Mittel und Zweck also verschwimmen. Dabei ist unbestritten, dass Haneke sein Handwerk versteht und, vom ästhetischen Standpunkt aus, sehr gute Filme macht, solche, die, wie “Das weiße Band”, zu berühren und eine Atmosphäre unsäglicher Gewalt kurz vor dem Ersten Weltkrieg phantastisch rüberzubringen vermögen. Und doch zielt er atmosphärisch möglicherweise nur auf die Fähigkeit zu fühlen.
Andere Filme, wie Sönke Wortmanns ebenfalls angelaufener Film “Die Päpstin”, bedienen den Zuschauer noch vordergründiger, dazu mit viel teurem Pomp, mit einer aufgesetzten Ästhetik, in der die gezeigte Grausamkeit jeden klaren Gedanken erstickt – frei nach Aristoteles, der schon vor knapp 2400 Jahren zu sagen wusste, dass, als Voraussetzung klaren Denkens (Analysierens), das Wahrnehmungsvermögen hinreichend wahrnehmen können müsse, was nicht der Fall sei, “wenn ein sehr starker sinnlicher Eindruck vorangegangen ist”, so wenn ein sehr starker Duft alle anderen weniger starken Düfte zuscheiße. (ZEJ-ARI, 56) Und überhaupt: brauchen wir eine Mund-zu-Mund-Beatmung der katholischen Kirche durch Frauen an ihrer Spitze? Die sollte endlich mal wie schon in der Politik Frauen an den Drücker kommen lassen, findet Wortmann in Übereinstimmung mit der Springer-Presse, zumindest mit der Tageszeitung Die Welt vom 21.09.09. (ROD-HWP) Ja, die Herrschenden bekommen langsam mit, was sie an den Frauen haben. Die sind, siehe Merkel, auf weichgewaschene Weise nicht weniger ignorant und brutal als Männer.
Jede Gewalt, auch die Gewalt, die in Notwehr auf Gewalt reagiert, zielt auf Abreaktion und Rache. Dabei kennt die Abreaktion keine Geduld, kein Innehalten, keine geduldige Kommunikation, die notwendig wäre, die oftmals verschlungenen Wege zur Gewalt nicht nur holzschnittartig nach “Schema F” nachzuzeichnen. Lieber begnügt sie sich damit, den Gewalttäter als weltumspannende Singularität im Gut-Böse-Schema abzustempeln. Die Geschichten sind bekannt. Erst machen sie das Böse in der Welt aus, um es im gleichen Atemzug im Menschen angesiedelt zu beschwören, mit dem Ziel, zu bekämpfen und zu strafen. Sie interessieren sich nicht für die (strukturelle) Gewalt, die um den (singulären) Gewaltexzess herum angesiedelt ist, um diesen zu befeuern; sie interessieren sich nicht für den ganz normalen Wahnsinn: für den Anteil, den der unbescholtene Bürger am Entstehen der Gewalt hat. Nein, der Spießer möchte sich von Zeit zu Zeit lautstark und authentisch empören können, um Schuldgefühle unterm Deckel zu halten, mithin guten Gewissens für harte Strafen zu plädieren. Vergeblich. Schon Nietzsche erzählte uns, dass das schlechte Gewissen ein Kind unserer Zivilisation ist. Im Bemühen, es zu verdrängen, gerät es zum viel gefährlicheren Ressentiment, zum heimlichen Groll gegen andere (NIF-GEM), um sich bisweilen ohne jedes analytische Interesse unkontrollierbar gegen Sündenböcke entladen zu können.
Das Ressentiment sieht im Anlass, der den Exzess auslöst, das Unvermeidliche, das sich in den unvermeidlichen Eigenschaften des Menschen spiegelt. Der Krieg war unvermeidlich, so will uns Haneke im “Weißen Band” bedeuten. Warum dann den Krieg nicht gleich zur “Strafe Gottes” stilisieren? Das Unausweichliche still vor sich hinzuflüstern, überlässt Haneke dem Zuschauer. Der soll auch mal etwas phantasieren dürfen, freilich das, was der Film im Monströsen vorentscheidet: der Arzt, der seine Haushälterin in den Wahnsinn treibt, ohne dass dies aus seiner Situation heraus motiviert erscheint. Der treibt’s mit seiner Tochter und macht ansonsten seine Arbeit gewissenhaft. Der Böse. Der Film wäscht dabei seine Hände in Unschuld; zeichnet er doch nur nach: merkwürdige, heimliche, zudem unerklärliche Gewaltexzesse, wahrscheinlich von Kindern ausgeübt, denen das Böse gar nicht im Gesicht geschrieben steht, für die das Böse eher zum Spiel gehört, in einem Dorf kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Er zeigt zudem Menschen, die noch dort, wo sie es gut meinen, sich Tag für Tag demütigen, sinnlos bestrafen.
Doch wie belassen die Bilder den Innen-Außen-Mechanismus im Dunkeln? Dadurch dass sie den Akzent traumatisierend auf grausame Taten lenken. Dann regiert im Zuschauer der Tunnelblick noch dort, wo Menschen liebevoll sich begegnen, so in der Szene, wo der Dorfschullehrer seiner Lebensliebe allzu unbeholfen zum ersten mal begegnet. Das Leben kann richtig putzig sein. Gott sei Dank, es gibt noch gute und schöne Dinge in dieser schrecklichen Welt, die in einem hellen Licht erstrahlen. Aber sie setzen sich nicht durch, da selbst das Gute zu schwach ist, um sich dem Bösen zu entziehen (der liebesfähige Lehrer denunziert Kinder und denkt sich nichts dabei; die Gutsherrin beklagt die Brutalität ihres Mannes und bestraft grausam ihr unschuldiges Kindermädchen), das alles erschreckend genau und atmosphärisch dicht gezeichnet. Freilich regiert noch in der Darstellung der Liebenswürdigkeiten die nackte Angst, die uns, keine Frage, auch heute zu schaffen macht, die von Gemeinsamkeiten ablenkt hin zu einer Mentalität des “Noch-mal-gut-gegangen-seins”, in der gemeinsame (politische) Ziele keinen Platz finden. Und Haneke liefert uns den Grund gleich mit: ist sowieso alles scheiße.
Das Problem ist und bleibt: das grausame Artefakt ist von Analyse im Kontext struktureller Mechanismen nicht gerade angekränkelt. Man mag gerade noch wahrnehmen, dass Anlässe sich strukturell aufdrängen. Doch bringt das allein den Innen-Außen-Mechanismus in kein helleres Licht. Ich glaube, dass dies “Weltstadt” auf sehr einfache Weise, mit sehr einfachen Bildern gelingt, denn er rückt die grausame Tat nicht ins Zentrum, zeigt sie vielmehr nur beiläufig, fast als sei sie gar nicht von Interesse. Ebenso wenig kommt der Obdachlose als Person vor. Er würde vom Wesentlichen ablenken; er spiele aber “die heimliche Hauptrolle”, so der Filmemacher. Wichtig ist nicht die Grausamkeit, die den Zuschauer mit Intensitäten derart überflutet, dass er sie nur im Tunnelblick der Angst verarbeiten kann, sondern ganz normale alltägliche Verrichtungen der Menschen. In ihrer minimalistischen Art leuchten die Bilder des alltäglichen Nahbereichs das Innenleben der Menschen, insonderheit das der Täter aus. Schließlich zeigen sie die Tat, aber nur beiläufig: die Täter führen sie, wie üblich, aus einem Gefühlsimpuls heraus aus.
Doch erst in dieser beiläufigen Darstellung der Tat bekommt der ganz alltägliche Wahnsinn um selbige Tat herum ein Gesicht, und nicht zuletzt die Tat selbst – ein Gesicht, das der Analyse zugänglich ist. Nun wird deutlich: die beiden Täter sind nicht gefühlskalt, nein, sie können freilich mit Gefühlen nicht umgehen. Bis zur Tat wird beiläufig, als sei das ganz normal, gezeigt, dass Gefühle, die ihnen von anderen Menschen entgegengebracht werden, bei und in ihnen nicht haften, es sei denn durch ritualisierten Schmerz, den der ältere dem jüngeren Täter zufügt. Es wird Gemeinsamkeit beschworen, ohne dass klar wird, wohin sie führt. Der Zweck ist mit der Handlung verschmolzen: es existiert Gemeinsamkeit um der Gemeinsamkeit willen, so wie wir Gott um seiner selbst willen lieben sollen und nicht deshalb, weil wir in den Himmel kommen wollen, so die Lehre Luthers.
So wie bei den Tätern Gefühle nicht ankommen, sind sie ferner nicht in der Lage, Gefühle für ihre Mitmenschen zu produzieren, es sei denn solche, die nicht ankommen, bzw. im Inneren des Anderen nicht haften oder nur peinlich berühren. Keine Gefühle zeigen ist auch keine Lösung. Sie werden von unserer Wirtschaft ständig produziert, um den Bürger in den exzessiven Konsum zu treiben und nicht deshalb, damit sie sich füreinander interessieren – mit der Folge, dass der Innen-Außen-Mechanismus massiv beschädigt wird; eine innere Balance ist in diesem Kontext bloßen Abreagierens nicht möglich; eine (innere) Aufzeichnungsfläche kann sich, wie gesagt, nicht nachhaltig bilden, auf der Gefühle (nicht nur flüchtig) haften, um sie – nachvollziehbar und annehmbar für ein Außen – in Worte und Sätze zu verwandeln. Dieser (innere) Transformationsvorgang einer Verwandlung von Gefühl in Sprache und, umgekehrt, von Sprache in Gefühl baut sich nicht zureichend immer wieder auf als Voraussetzung eines intakten Innen-Außen-Mechanismus’. In diesem Sinne funktioniert Sprache: Sprache, Sprechen, Schreiben und Entziffern von Text erzeugen den notwendigen Puffer, durch den hindurch Menschen sich wahrnehmen, ohne sich überfordert zu fühlen. Gefühle liefen aus dem Ruder, wenn man sie durch Sprache nicht immer wieder einfangen und domestizieren würde. Das zu lernen gelingt nur in einem sozialen Kontext ohne (strukturelle) Gewalt. Andernfalls drohte vollständige Abreaktion oder vollständige Enthaltsamkeit dem Anderen gegenüber.
Dabei geht es mitnichten um das rechte Maß, auf das die griechische Antike so viel Wert legte. Nicht die große Gefühlsintensität ist das Problem. Problematisch ist nur, dass in einer Zeit des narzisstischen Tunnelblicks auf den eigenen Bauchnabel die Entladung des Gefühls keinen Aufschub duldet, um eingefangen werden zu können. Lieber jetzt und sofort, als möglicherweise nie. Es könnte sein, oh Lust!, dass das, was jetzt sein kann, später nicht mehr sein wird. Doch was soll das sein? Ein zu früher Samenerguss, nichts weiter. Eine gefährliche Logik des Daseins, in der Sinn und Verstand immer weniger Platz greift. Zeit ohne Lust und Vergnügen ist eine tote Zeit. Das Motto lautet nicht “ich denke, also bin ich”, sondern “ich fühle, also bin ich”. Dabei birgt die sich entladende Gefühlsintensität, die den Körper durchströmt, durchaus etwas Selbstloses, wie gesagt “Dasein ohne Sinn und Verstand”, die reine Natur, nicht “Ich” und wie “Ich” mich auszudrücken verstehe für den Anderen, vielmehr nur Leben um seiner selbst willen, in dem der Andere nicht vorkommt, bzw. nur instrumentalisiert wird. Die meisten Menschen instrumentalisieren die Liebe, ohne es zu merken; sie bestehen auf einer “fraglosen” Liebe, als müsse sie sich von selbst reproduzieren können, ohne “Ich (denke)”, selbstlos sein, um als erfüllt zu gelten.
“Weltstadt” erzählt von einem solchen selbstlosen Dasein ohne Sinn und Verstand, z.B. in einer sehr intimen Szene, wo, wie oben angedeutet, der ältere Täter dem jüngeren unter großen Schmerzen ein Zeichen auf die Brust schneidet, als wolle er mit diesem grausamen Ritual Zusammengehörigkeit beschwören, eine Lust, die der Gequälte später vor seiner Freundin verbirgt. Ihre Fragen wehrt er ab; sie sind ihm peinlich; er kann ihr seinen Masochismus nicht verständlich machen und wenn er es versuchte, würde er sie nur peinlich berühren. Das kann er sich jetzt nicht leisten; er will Sex; sie auch; also sagt er: es ist nichts; er habe sich nur verletzt. Aber auch als er mit seiner Freundin schläft, bleiben alle Hoffnungen auf der Strecke. Zumal seine Freundin in der Tat mehr als nur Sex möchte. Sie möchte Zusammengehörigkeit, etwas, was sie mit ihrem Freund verbindet. Sie möchte ein Zeichen von ihm, Sprache, die sie versteht und annehmen kann, mit einem Wort: Anerkennung. Doch da kommt nur Gestammel von ihrem Freund, zumal dieser Anerkennung vornehmlich bei seinem älteren Freund sucht. Für den sind Freundinnen Schlampen. Wenige Stunden später werden die sich liebenden Täter den Obdachlosen quälen und anzünden.
“Beschwören” ist das richtige Wort, weil es keine Zusammengehörigkeit gibt in einer Welt, in der der eine den anderen nicht instrumentalisiert; selbst wenn er liebt. Die Instrumentalisierung wird freilich, wie im Menschenopferritual: im Surrogat der Quälerei, aufgehoben, aber nur scheinbar, zumal flüchtig. Das Ritual mag noch so geschwätzig sein und Ziele formulieren, eines kann es nicht verhehlen: in einer Gesellschaft ohne Gott (als pseudo-außergesellschaftliches, die Gesellschaft definierendes Substrat) zielt das Ritual ebenso wie Gott auf nichts, was sich in “Sprache, die ankommt und bindet” verwandeln ließe: in etwas, was nicht selbst im Ritual (als Pseudo-Ziel) enthalten wäre und lässt unsere Helden immer dann, wenn’s drauf ankommt und sie wirkliche Hilfe brauchen, einsam zurück; ohne Gott, ohne Ritual: ziellos. Gott ist immer dann nicht da, verflüchtigt sich immer dann, wenn’s drauf ankommt, um auf verheißende Pseudo-Ziele, ein Leben nach dem Tod, zu verweisen.
Eigentlich ein alter Hut. Allein der innere (Innen-Außen-)Mechanismus wird zu wenig ernst genommen: Das Gefühl der Einsamkeit wird im beschwörenden Impuls, der sich im Ritual entlädt, verdrängt, und zwar – welch eine Absurdität! – wiederum mit Hilfe des Gefühls: die reale Einsamkeit wird verhehlt durch (unerreichbare) Ziele, verknüpft mit unendlich in die Zukunft verlängerten Gefühlsintensitäten (Völker hört die Signale...), resp. mit unendlicher Sehnsucht “nach einer wie auch immer gearteten Verheißung, die (...) das Subjekt dazu verurteilt, mit sich und der Welt allein zu bleiben: das Subjekt also immer dann im Stich lässt, wenn’s drauf ankommt,” (WIF-DPB, 36) – dann nämlich, wenn Gefühle versiegen, zumal ohne sich zuvor in Worte und Sätze verwandelt zu haben. Das ist nicht leicht und will gelernt sein, vor allem ist es nicht immer vergnüglich, bilden Worte und Sätze für das Gefühl zuweilen doch Sprengstoff in sich. Mein Gott, der Spießbürger lässt sich in dieser Gesellschaft immer mehr gefallen; seine Gefühle will er sich nicht auch noch enteignen lassen.
Auch das schmerzhafte Ritual produziert Lust, nichts weiter; freilich braucht und kennt es keine Sprache; nur Gestammel; es ist nicht übersetzbar, ein Pseudopuffer, der puren Gehorsam voraussetzt, damit Verbindungen funktionieren; konstruktive Verbindungen zwischen Menschen sind nicht vorgesehen, wo durch das Ritual hindurch sich der Impuls zwanghaft und unaufschiebbar entladen muss, damit der Sozius sich zu Hause fühlt in einer Welt, in der es immer weniger sprachliche Räume gibt, damit Menschen dort, wo sie wohnen, sich zuhause fühlen können. Der Aufschub birgt die Gefahr von Rede und Gegenrede in sich: sprachgestützter Analyse, mithin Erkenntnis schon in Gestalt von Fragen (Was mache ich hier eigentlich? Hier stimmt was nicht!), die das Zuhause im sich entladenden Impuls verfehlen. Panik kommt auf. So in der Szene, wo der eine Täter sich vor einem Porno befriedigt, während seine Mutter zur Wohnungstür hereinkommt: anstatt innezuhalten und sich über ihren Besuch zu freuen, sich mit ihr einmal mehr zuhause zu fühlen, empfindet der Täter seine Mutter als eine hereinbrechende Katastrophe und lässt es sie ohne Aufschub spüren: “jetzt nicht!” Eine Szene ohne jeden Voyeurismus.
Gott sei Dank lässt sich der Film politisch nicht für jeden beliebigen Dreck instrumentalisieren, weder für die üblichen Sonntagsreden, noch für das nutzlose Geschrei der Linken gegen Neo-Nazis. Und warum nicht? Ganz einfach, die beiden Täter kommen nicht aus dem Neo-Nazi-Milieu. Unbenommen davon, dass der Film auch ein paar Hakenkreuze zeigt, ist ihre Tat nicht politisch motiviert, sondern wächst ganz einfach aus dem Dorf heraus, aus alltäglicher Gewalt, die, natürlich, den politisch motivierten Gewalttäter, meinetwegen den Nazi, hervorbringt, der seinerseits die Gewalt verstärken und, als Folge davon, den Schreibtischtäter für ein schärferes Jugendstrafrecht motivieren mag. Doch sollten Ursache und Wirkung nicht verwechselt werden: der Nazi wie der Schreibtischtäter für ein schärferes Jugendstrafrecht brauchen die alltägliche Gewalt, um politisch zu gedeihen, während die alltägliche Gewalt ganz und gar ohne Nazi- und Schreibtischtäter auskommt. Und weil die Gewalt mitten aus unserer Gesellschaft wächst, ist Beeskow zurecht eine “Weltstadt”, ein Film, der ganz offensichtlich über Mundpropaganda in alle Munde gekommen ist, wahrlich nicht, weil eine korrumpierte Öffentlichkeit es so will.
Helen, Deutschland, USA, GB 2008 (Kinostart: 14.05.2009) Regie: Sandra Nettelbeck Hamburg, 07.04.2009 von Franz Witsch
Helen, eine erfolgreiche junge Musikprofessorin, hat alles, was das Herz begehrt: eine Tochter, einen Beruf und einen Konzertflügel, den Sie von ihrem ebenso schönen wie liebenswerten Mann noch im Vorspann zum Geburtstag geschenkt bekommt. So schön kann Leben sein, wenn da, oh Schreck, nicht noch ein Geheimnis wäre, das Helen mit sich herumschleppt und, welch eine Tragödie, viel zu lange vor der Welt verbirgt, selbst vor ihrem Mann. Sie ist von einer Depression heimgesucht, die im Verlaufe des Films immer schlimmer wird. Auf endlosen 115 Minuten ist der Film bemüht zu zeigen, was alles passieren kann, wenn Menschen in eine Depression geraten, mit Hilfe der üblichen musikalischen Gefühlsverstärker, zudem mit attraktiven Schauspielern, die nach Gutmenschenart siegen gelernt haben, schließlich ihr Glück wiederfinden, während – Strafe muss sein! – das Niederträchtige auf der Strecke bleibt. Ja, auch beim Siegertyp ist mittlerweile angekommen, dass das weiche Wasser den harten Stein schleift.
Vorerst aber versteht Helen die Welt nicht mehr. Die Frage ist, ob sie die Welt, nachdem sie wieder gesund geworden ist, besser versteht. Zumindest als Zuschauer bleibt man einigermaßen ratlos zurück. Denn der Film ist um Oberflächenwirkung und nicht um tiefere Analyse bemüht; er bedient ausschließlich Klischees und glattgebügelte Sehgewohnheiten, die sich problemlos konsumieren lassen, so dass der Zuschauer von unbequemen Wahrheiten in der eigenen Lebenswirklichkeit abgelenkt wird.
In “Helen” bleibt der “leere Raum” zwischen zwei wohlgesetzten Szenen im Dunkeln. Er ist weder hörbar noch sichtbar. Nicht so beim Film “Die Besucherin”; er schafft es, Spannung aus dem “leeren Raum” zu schöpfen: zwischen zwei Worten, zwei Sätzen, zwei Szenen, zwei Tönen, ja zwischen zwei mimischen Gesten klingt das Ungesagte, Ungehörte, Unerhörtes an, “leer” insofern, weil die Dramaturgie es ablehnt, alle Differenzen zuzukleistern, mithin den Betrachter mit dem Vorhersehbaren, dem allzu leicht Konsumierbaren zu bedienen, so dass er nicht umhin kommt, in sich hinein zu schauen, zwischen den Zeilen zu lesen, eben um unbesetzte Räume zu füllen, darin den Abstand zwischen zwei Tönen zu vernehmen, nicht ahnend, dass er sich selbst vernimmt, dass er dem Kunstwerk etwas hinzufügt: Unerhörtes.
In solchen Momenten bewegt der Betrachter sich nicht im Geiste des Kunstwerks, ihm gleichsam hörig, sondern neben ihm, zuweilen widerborstig, eigensinnig, ja weltfremd, weil nichts ist, wie es ist; eine Weisheit, von der uns zu Beginn des Films Helen erzählt: entscheidend sei der freie Raum zwischen zwei Tönen; es reiche nicht, dass man diese richtig treffe. Erst die Leere, der Abstand zwischen zwei Tönen, erzeuge einen Sog, der den Hörer unter Spannung setze. Super, der Satz. Nur schade, dass die Filmemacherin diese ihre Erkenntnis in ihrem eigenen Film so gar nicht umsetzt.
Die Besucherin, Deutschland 2008 (Kinostart: 14.05.2009) Regie: Lola Randl Hamburg, 14.03.2009 von Franz Witsch
“Die Besucherin” ist die erstaunlich reife Debütarbeit einer jungen Filmemacherin. Sie erzählt etwas über den ganz normalen Alltag, nah der Realität und distanziert, mit dokumentarischen Stilelementen. So mancher Besucher würde den Film vielleicht langweilig finden wie die Beziehung, die er zeichnet. Für den oberflächlichen Blick nicht sonderlich unterhaltsam, wird eine in Auflösung begriffene Ehe weder spektakulär, noch theatralisch erzählt. Sie erodiert langsam im Stress allzu normaler Alltagserfahrungen, bis sie von einem der beiden Partner aufgekündigt wird; oder doch nicht ganz? Der Schluss lässt manches offen.
Die Erzählweise mag unspektakulär erscheinen, und dennoch gehört eine Menge Professionalität im Filmemachen dazu, den Erzählstrang nicht zu versauen: “Die Besucherin” (Sylvana Krappatsch) flüchtet vor dem öden Stress ihres Alltags in eine fremde Wohnung, auf die sie im Auftrag ihrer jüngeren Schwester (Jule Böwe) eigentlich nur aufpassen soll, Blumen gießen, bis sie, wie aus heiterem Himmel, eine Affäre mit dem ihr fremden Mieter (André Jung), häßlich und korpulent, beginnt, der sie mal eben von hinten fickt, im Liegen, ohne zuvor auch nur in ihr Gesicht geschaut zu haben. Er macht auch nicht den Eindruck, als würde er sich wundern, ein fremde Frau in Straßenkleidern in seinem Bett vorzufinden. Die Szene ruft unübersehbar Erinnerungen wach zum Film “Der letzte Tango in Paris”, ohne ihn billig zu kopieren, begnügte sich der Pariser Tango seinerzeit doch zeitgeistgerecht damit, das Beziehungsgefüge zwischen den Geschlechtern herabzusetzen, allzu theatralisch zugrundegehen zu lassen und dadurch an analytischer Schärfe einzubüßen.
Ganz anders dieser Film: ganz ohne Zynismus, fast möchte man sagen: liebevoll, blickt er auf eine im Verfall befindliche Beziehung, zu der es, anders als im Pariser Tango, noch eine minderjährige Tochter gibt (Isabell Metz), die sich allerdings von den Schwierigkeiten ihrer Eltern nicht sonderlich aus der Fassung bringen lässt. Nicht nur hier belässt der unaufgeregt distanzierte Blick der Kamera vieles in der Schwebe, als wolle sie dem allzu Menschlichen im Menschen immer wieder noch mal eine Chance geben.
Der Tag, an dem die Erde stillstand, USA 2008 (Kinostart: 11.12.2008) Regie: Scott Derrickson Hamburg, 09.12.2008 von Oliver Schuman
SF-Fans freuen sich auf den 11. Dezember 2008. An diesem Tag läuft bei uns das Remake der gleichnamigen Erstverfilmung an. Ja, weltweit wird die Neuinterpretation der Kurzgeschichte von Harry Bates um dieses Datum herum gestartet, ein Schachzug der Verleih-PR, – ganz im Sinne des Titels. Aber wird die moderne Fassung der hohen Erwartung gerecht?
Wenn man die beiden Filme vergleicht, dann kommt der Genre-Fan schnell zur Auffassung, dass das Original mühelos seine Spitzenposition verteidigen kann, – Trickkapazität hin oder her. Denn es ist schließlich der Stoff, der die filmische Umsetzung schon in der Fassung von 1951 so anders und schließlich zum Klassiker werden ließ. Eine Science-Fiction Shortstory, die ohne all zuviel Effekthascherei auskommt.
Die Geschichte (des ersten Films) ist simpel. Zunächst wird ein Ufo in der Erdumlaufbahn entdeckt, das mit vierfacher Schallgeschwindigkeit fliegt, – seinerzeit ein Hinweis auf übermenschliches technisches Können. Das Ufo landet auf einem großen Rasenplatz in Washington, D.C. Insassen sind lediglich ein großer Roboter und ein menschliches Wesen, das die englische Sprache beherrscht. Die zunächst neugierige Haltung aller Zeugen der Landung (die Medien – weltweit übrigens – und die US-Regierung) entwickelt sich rasch zu einem negativen Hype, als „Klaatu“, der menschliche Insasse, aus einem Krankenhaus flieht und sein Roboter sich als waffentechnisch weit überlegen erweist.
Klaatu taucht in der Gesellschaft unter. Er mietet sich unerkannt in einer Pension ein und freundet sich mit dem aufgeweckten Sohn einer allein erziehenden Mutter an. Von ihm lernt Klaatu viel über die Erdgesellschaft amerikanischer Prägung. Der Junge verhilft Mr. Klaatu dem „besten Wissenschaftler der Welt“ zu begegnen. Gegenüber diesem outet sich der Außerirdische. Da es (politisch) unmöglich ist, die Regierungsführer der Vereinten Nation an einen Tisch zu bekommen, um vor diesem Forum eine galaktische Botschaft zu proklamieren, wird gemeinsam beschlossen, stattdessen alle wichtigen internationalen Gelehrten für eben jene Botschaft zu versammeln. Dies jedoch nicht ohne eine vorherige Demonstration der Macht Klaatus über den Planeten: Er sorgt für einen globalen Stromausfall von 30 Minuten Dauer – die halbe Stunde, in der die Erde still steht.
So versammelt sich die Wissenschaftsgemeinde vor dem Raumgefährt, um der Botschaft des Alien zu lauschen, wobei der Aufenthalt am Landeplatz kurzfristig von den Behörden (dem Militär) wegen Gefahr untersagt wird! Inzwischen war Klaatu, während man ihm militär- polizeilich nachstellte, erschossen worden. Doch Mithilfe von GORT, dem gehorchenden Roboter, sowie überlegener Medizintechnik, kann Klaatu im Ufo reanimiert werden (just bevor das Auditorium beginnt, sich zu zerstreuen).
Der Sternenmann erklärt den aufmerksam Lauschenden seine Mission. Es gebe eine Planetengemeinschaft, die eine Rasse der Superroboter als Polizeimacht geschaffen hätte, um jedes Aufkommen von Aggression im Universum gnadenlos zu vernichten. Auf diese Weise lebten alle Zivilisationen friedlich miteinander. Man wolle sich nicht in die Angelegenheiten der Erde einmischen. Wenn die Erde jedoch so weiter mache, wie bisher (gemeint ist das Aggressionspotential durch atomares Wettrüsten), dann würde sie zur Bedrohung für andere Planeten werden und müsse vernichtet werden. Die Entscheidung liege bei der Menschheit. Der Verbund der friedlichen Planeten würde auf eine Antwort warten. Nach dieser eindringlichen Warnrede über die fatale Schicksalsfrage der Menschheit (es ist oft jene Szene des Films, die frühen Zuschauern im Gedächtnis haften geblieben ist) fliegt der Außerirdische mitsamt GORT ins All zurück. Mit seiner Abreise überlässt Klaatu die verdutzte Gelehrtengemeinde – letztlich die Welt – sich selbst (das wäre heutzutage übrigens ein potentieller Cliffhanger für eine Fortsetzung). – Klaatu erweist sich hier als das zivilisatorische Gewissen.
Was haben der Verleih (damals wie heute 20th Century Fox) und Regisseur Scott Derrickson (The Exorcism of Emily Rose) nun aktuell daraus gemacht? Zusammengefasst lässt sich sagen: Das Remake beginnt stark und schwächt sich zunehmend ab. Im letzten Drittel verliert die Geschichte den Kern ihrer ursprünglichen Aussage. Sie hetzt zu Ende und lässt den Zuschauer unbefriedigt zurück. Es sei an dieser Stelle vor sogenannten Spoilern gewarnt, die sich im nachfolgenden Text häufig finden. Leser, die keine Details des aktuellen Films erfahren möchten, sollten nicht weiter lesen.
Der Stoff behandelt ein Thema von so großer Dimension, dass es nicht eben leicht ist, der Komplexität des Anliegens gerecht zu werden. Das betrifft SF-Filme ganz allgemein, bewegen sich ihre Geschichten doch in überdimensionierten Räumen, mithin in Verhältnissen größter Komplexität. Wo das geschriebene Wort mit der Phantasie des Lesers spielt, wird ein Film durch seine Abbildung sehr konkret. Er ist immer nur ein Fenster zu einem möglichen Raum. Abgesehen von diesem Handicap, das jedoch auch jedes Mal eine Chance darstellt, musste das Remake nun den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Doch anstatt die ursprüngliche Geschichte der heutigen Erscheinungsform unserer Welt anzugleichen und einen angemessenen Ausblick zu bieten, reduziert sich die Neufassung auf den kleinsten möglichen Horizont und endet mit einer eben noch verhinderten (globalen) Katastrophe in der Tradition des Desaster-Movies.
Was genau sind die versäumten Chancen? Der Film beginnt nach einem Prolog, der die menschliche Erscheinungsweise Klaatus erklärt, wie das Original: Es geht um ein nicht identifiziertes Objekt, das durch das Sonnensystem rast. Die Astronomen halten es für einen Meteoriten, dessen unmittelbarer Aufprall auf der Erde nicht mehr zu verhindern sei, weil das Objekt die vorausberechnete Bahn unvermittelt auf Kollisionskurs verändert hat.
Der Aufprall findet nicht statt, vielmehr senkt sich eine extrem helle Lichtquelle – die später an einen illuminierten Gasplaneten erinnert – auf eine freie Rasenfläche im Central Park in Manhattan nieder. Anders als im Original ist die weibliche Hauptrolle hier schon etabliert. Die Biologin Helen (Jennifer Connelly) ist mit anderen Wissenschaftlern und dem Militär an vorderster Front. Sie hat als Erste einen Beinahekontakt mit dem unbekannten, undeutlichen Alien. Im Original trägt Klaatu einen Raumanzug, hier entpuppt sich seine Schutzhülle als Plazenta und das außerirdische Lebewesen entwickelt sich erst noch zu einem adulten Hominiden (Keanu Reeves). Dies geschieht in medizinischer Obhut und unter behördlicher Aufsicht, nachdem die fremde Lebensform kurz nach der Landung angeschossen wurde – noch ganz, wie im Original.
In beiden Filmen sucht ein Vertreter der Regierung den – inzwischen dieselbe Sprache sprechenden – Fremdling auf. In der Erstfassung wird es, wie gesagt, aufgrund der politischen Weltlage (Kalter Krieg) nicht möglich, die Regierungschefs aller Staaten an einen Tisch zu bekommen. Hier nun ist es das Misstrauen der US-Regierung, das die Mission Klaatus früh torpediert. Mit der Flucht des All-Besuchers aus dem medizinischen/behördlichen Gewahrsam, nimmt das Remake dann einen anderen Kurs als sein Vorgänger.
Die Biologin, die sich für Klaatu einsetzt und in seiner unmittelbaren Umgebung agiert, hat hier keinen Partner, jedoch einen adoptierten, schwarzen Sohn (Jaden Smith). Helen erkennt intuitiv das Wohlwollende an Klaatus Mission und wird zu ihm halten, ihm logistisch helfen. Es gibt nun auch keine Pension, kein ausgiebiges Kennenlernen der menschlichen, oder genauer, der amerikanischen Gesellschaft als Muster und stellvertretend für die Menschheit. Helens Sohn fungiert nicht als Vermittler von Tugenden und Eigenheiten der Menschen, im Gegenteil. Der Junge agiert feindlich und verständnislos, geradezu unbelehrbar, ja, er verrät Klaatu an die nach ihm fahndenden Behörden – zweifelsfrei ohne den erhofften Erfolg. In beiden Filmen passt die Figur des Jungen in die Zeit und in die Situation. Hier steht der Sohn als Waise, der sich nach seinem Vater sehnt und dabei ganz und gar Subjekt seines selbst bezogenen Universums bleibt. Ein unreifer junger Mensch, der in seinem Schmerz und der Angst vor fremder Bedrohung lange uneinsichtig bleibt und zugleich für die Mehrheit der Weltbevölkerung steht. Eine interessante Umwidmung durch die Drehbuchautoren. In abgeschwächter Form hatte seinerzeit die Figur des „Verlobten“ (love-interest) der allein erziehenden Mutter diese Haltung inne.
Das Urteilsvermögen über den Zustand der Menschengesellschaften erreicht Klaatu nicht nur durch seine Erfahrungen bei seinem kurzen Weltaufenthalt. Er trifft sich mit einem alten Chinesen, der – einst selbst als Alien unerkannt auf der Erde zurück gelassen – nun bestätigt, dass die Menschen aggressiv und unverbesserlich seien und somit eine Bedrohung für andere Planeten darstellen würden. Deshalb sollte die Erde unbedingt zerstört werden. Trotz alledem wolle der Chinese den Trabanten nicht verlassen um sein Leben zu retten. Nach 70 Jahren habe er die Menschheit auch lieben gelernt. Seine ambivalente Haltung bzw. das Liebenswerte des Menschseins könne er nicht in Worte fassen.
Die im Original noch ungemein wichtige Fraktion der Wissenschaftler wird nur mehr durch Helen und ihren Physikerfreund (jener „beste Wissenschaftler der Welt“) repräsentiert, der ursprünglich ja die globale Wissensgemeinde mobilisiert, hier aber lediglich kurzen Unterschlupf bietet. Er redet dem Fremden ins Gewissen (jede Gesellschaft müsse erst einmal vor dem – selbstverschuldeten – Untergang stehen, um einsichtig werden zu können), während Helens Sohn unbeobachtet zum Verräter wird.
Für sein Finale begibt sich der Film in fantastische Dimensionen: Allen Wendungen zum Trotz entpuppt sich Klaatus Mission als Vollstreckungsaktion, die ab einem gewissen Zeitpunkt unumkehrbar ihren Lauf nimmt. Während weltweit Miniatursphären („kleine Gasplaneten“) diverse Vertreter der Erdenfauna aufnehmen und somit als fragmentierte Arche fungieren, geht vom ebenfalls existierenden Großroboter GORT (ebenfalls in Menschenform) die Weltzerstörung aus. Dies jedoch auf eine nicht nahe liegende Art und Weise.
Im Original ist GORT ganz Maschine. Eine nur Klaatu gehorchende technische Einheit, die vom Militär festgesetzt und ohne Resultat untersucht wird. Im Remake geschieht die eingehende Untersuchung nicht in der Nähe des Ufos, sondern in einem Tiefbunker. Und dann passiert es. In dem hermetisch gesicherten Untersuchungsraum finden sich eintagsfliegengroße Metallinsekten, die alle Materie –einer Säure gleich – zersetzen, sprich zerfressen. GORT scheint sich in diesen Insektenschwarm zu transformieren. Dem Ausbruch des Schwarms ist nichts entgegen zu setzen, ein massiver Beschuss durch das Militär an der Erdoberfläche bleibt wirkungslos. Der Schwarm scheint dadurch sogar anzuwachsen und er überzieht das Land wie eine Wolke Heuschrecken, nur um die heimgesuchten Flächen in Windeseile in eine Wüste zu verwandeln.
Wie wir kurz vor Ende des Films sehen, befallen die Minikrabbler auch Menschen, fressen sich unter die Haut, zernagen Lebewesen von innen heraus. Zu guter Letzt vermag es Helen mit ihrem geläuterten Sohn, Klaatu zu der Erkenntnis zu bewegen, dass die Menschheit doch etwas Liebenswertes, Bewahrenswertes besitzt. Etwas, das Homo Sapiens würdig werden lässt, eine letzte Chance zu erhalten. Als der nun selbst „infizierte“ Klaatu es im Gebrause des Insektensturms mit letzter Kraft schafft, sein Weltraumgefährt zu erreichen, sinken die Minivernichter augenblicklich wie ein Ascheregen tot zu Boden. Der Zerstörung ist Einhalt geboten, die Welt ist noch einmal davon gekommen.
Ach ja, die 30 Minuten, in denen die Erde still steht, gibt es auch. Aber in einem ganz anderen Zusammenhang. Die dafür gefunden Bilder bleiben beschränkt und unspektakulär. Überhaupt werden die Wechselwirkungen zwischen Klaatu und seiner Mission gegenüber dem Zustand und der Reaktion der Gesellschaft im Original schlüssiger, fundierter sowie glaubwürdiger dargestellt. Zwar erscheint das Remake zunächst – auch im Rahmen des Genres – plausibel; zusehends verwandelt es sich jedoch in einen Hokus-Pokus-Katastrophenfilm, in dem wirklich viele Fragen offen bleiben.
Hier wurde die Chance vergeben, sich wie seinerzeit abzugrenzen, aus der Masse der Hollywood-Einheitsproduktionen heraus zu ragen. Es wurde die Chance vertan, den Appell von vor 57 Jahren zu erneuern. Damals bedrohte uns die atomare Aufrüstung zweier Supermächte. Heute stehen wir am Abgrund eines globalen ökologischen und ökonomischen Kollapses. Aber vielleicht sind der Tod bringende Schwarm und die lokale Verwüstung als Sinnbild für die begonnene Weltzerstörung zu interpretieren? Vielleicht soll das der (dramatisierte) Spiegel des Ist-Zustandes unseres Planeten sein? Nur wer ist dann Klaatu?
Der Baader Meinhof Komplex, BRD 2008 (Kinostart: 25.09.2008) Regie: Uli Edel Hamburg, 19.09.2008 von Franz Witsch
Einhundertvierzig Minuten geballter Terror auf der Leinwand, pardon, Bericht über den RAF-Terror in Deutschland von 1967 bis 1977. Der Akzent liegt in der Tat auf dem Wort “Bericht”. Denn zu mehr konnte und wollte sich der Film wohl nicht durchringen. Er ist weniger als eine Dokumentation, in der ein Sprecher zusätzlich über Hintergrundinformationen aufklären kann, was allein und nur durch den Mund eines Schauspielers nicht zureichend geleistet werden kann.
Weniger ist in der Regel mehr. Zu viele Ereignisse, zu viele Figuren wurden allzu kurzatmig zu einem großen Plot zusammengeschustert, um als Erzählstrang überzeugen zu können. Selbst mancher Zuschauer, der die RAF-Zeit noch miterlebt hatte, musste sich schwer tun, die Orientierung zu bewahren. Wesentlicher waren Actiondramaturgie mit ihren unvermeidlichen Knalleffekten, die in einem auf “Oscar komm raus” getrimmten Film nicht fehlen dürfen, wenn es zu mehr an Substanz denn nicht reicht. Dafür hätte die Kamera mehr Zeit gebraucht, um die eine oder andere Figur aus ihrem Nahbereich heraus zu zeichnen, nicht zuletzt, um zu entmythologisieren, was der Produzent Bernd Eichinger ja eigentlich auch wollte. Der Nahbereich spielte leider nur in Spurenelementen eine Rolle, so im Vorspann, wo Ulrike Meinhof und ihre Kinder am Strand von Sylt zu sehen waren. Dort durfte der Zuschauer die Ulrike auch mal menschlich erleben, weniger kurzatmig, weit weg von jeder hektischen und politkriminellen Dramaturgie, zu wenig, um einen Film über 140 Minuten zu tragen.
Überhaupt hätte man von Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) oder einer anderen Figur vielleicht gerne mehr erfahren, wenn es denn mehr Verbürgtes gegeben hätte, als z.B. in einer winzigen Gefängnisszene zum Ausdruck kam, in der ihr von Gudrun Enslin (Johanna Wokalek) im Vorbeigehen vorgeworfen wurde, sie sei “das Messer im Rücken der RAF”. Das hört sich nur spektakulär an, so wie in diesem Film alles möglichst spektakulär herausgeputzt inszeniert ist. An Substanz gibt das nur wenig her. Das würde bedeuten, dass der Zuschauer zum Mitdenken sich herausgefordert fühlte, ohne dass vorhersehbar wäre, was das Ergebnis seines Mitdenkens wäre. Allein nur dass die Täter möglichst schlecht wegkommen, kann zwar ein unmittelbar verstehbares, aber bei weitem kein ausreichendes Ergebnis sein. Das hieße, einfach nur vorhersehbaren Erwartungshaltungen zu genügen.
Natürlich vermögen gute Schauspieler mit noch so viel Ausdrucksfähigkeit nicht wettzumachen, was schnelle Szenenfolgen nicht hergeben können. Am Ende hat man vielleicht nur einen Film gesehen in der Art: “The Best of Baader Meinhof”. Merkwürdig, dass ausgerechnet so manches Hinterbliebenenopfer (ein Sohn von Hans Martin Schleyer) den Film gut gefunden hat. Opfer sind auch nur Opfer ihrer Sehgewohnheiten, die analog zum Pawlowschen Reiz-Reaktions-Schema mit eintrainierten Erwartungshaltungen schwanger gehen. Es reicht für einen anspruchsvollen Film nicht aus, Terroristen einfach nur als Mörder oder exotische Politverbrecher mit ein paar skurrilen Auffälligkeiten zu zeichnen. Dafür hätte man auch einen weniger teuren Actionkrimi drehen können.
Doch geht es wahrscheinlich um etwas anderes: mehr von Mördern zu erfahren, ist immer gefährlich. Menschliches bliebe an der Bestie haften, so dass sie sich dann als Hassobjekt (zur Abreaktion) nicht mehr ohne weiteres missbrauchen ließe. Und so bleibt am Ende des Films der Zuschauer betreten zurück, mit etwas Rühseligkeit auf dem Nachhauseweg, einem Song von Bob Dylan im Nachspann: Blowin’ in the Wind. Vielleicht dass man selbst einem erfahrenen Filmemacher wie Uli Edel den folgenden Rat geben sollte: einen “Film mit richtigen Schauspielern” entweder zu machen oder es am besten zu lassen.
Von Löwen und Lämmern, USA 2007 (Kinostart: 08.11.2007) Regie: Robert Redfort Hamburg, 02.11.2007 von Oliver Schumann
Wenn Lämmer entscheiden
In seiner neuen Regiearbeit ”Von Löwen und Lämmern” greift Robert Redford die aktuelle politische und soziale Situation der USA auf. Gemeint sind das militärische Engagement im mittleren Osten und die Auswirkungen des Kriegseinsatzes auf das Selbstverständnis der Gesellschaft. Redford konzentriert sich auf Bereiche, die maßgeblichen Einfluss auf Bewusstsein und Meinungsbildung der Öffentlichkeit haben. Er beleuchtet die Rolle der Medien, der Lehre und die Haltung der jungen Generation in Zeiten des Krieges. Dem Regisseur gelingt eine philosophische Reflexion über die ethische Verantwortung des Einzelnen, die den Zuschauer wenn nicht wachrüttelt, so doch nachdenklich aus dem Kinodunkel entlässt.
Die provokante Politstudie verwebt zeitgleich und in Echtzeit drei Geschichten. Zwei davon entfalten sich in Büros im Westen und Osten der USA, die dritte auf einem Bergplateau Afghanistans. Der Film beginnt mit einer frühmorgendlichen Sprechstunde an einer Hochschule in Kalifornien. Dort empfängt der Uni-Dozent Dr. Malley (Robert Redford) einen vielversprechenden Studenten (Andrew Garfield), um über dessen Leistungseinbruch zu diskutieren. Die Erzählperspektive wechselt bald von der Westküste nach Washington DC ins Kapitol, wo der republikanische Senator Jasper Irving (Tom Cruise) der gestandenen TV-Journalistin Janine Roth (Meryl Streep) ein Exklusivinterview gewährt.
Irving möchte eine neue Einsatztaktik für den Krieg gegen den Terror in Afghanistan lancieren. Derweil wird diese Taktik vor Ort am Hindukusch umgesetzt. Beim Versuch ein Basiscamp auf einem Berggipfel einzurichten, gerät ein Transporthubschrauber unter Beschuss. Unweit einer feindlichen Stellung bleiben die Soldaten Arian (Derek Luke) und Ernest (Michael Pena) verletzt und auf sich gestellt in der winterlichen Einöde zurück. Die Kameraden und Freunde sind ehemalige Studenten von Dr. Malley, auf die der Lehrer sich wiederum bei seinem Gesprächstermin bezieht.
“Von Löwen und Lämmern” basiert auf dem Drehbuch des jungen Nachwuchsautors Matthew Carnahan. Zunächst als Theaterstück konzipiert, erkannte sein Schöpfer alsbald, dass sich das Thema als brisanter Filmstoff anbot. Carnahans Initialzündung erfolgte aufgrund einer Selbstbeobachtung, der zufolge er aktuelle TV-Kriegsnachrichten aus dem Irak zugunsten einer Sportsendung wegzappte.
Sein Drehbuch ist die Antwort auf die Frage nach dem Grund seines Verhaltens. Robert Redford begeisterte sich ohne Zögern für das Skript. Er forcierte die Umsetzung des Projekts aufgrund der zeitnahen tatsächlichen Entwicklungen im mittelasiatischen Krisengebiet.
Auf der anderen Seite, Deutschland 2007 (Kinostart: 27.09.2007) Regie: Fatih Akin Hamburg, 12.09.2007 von Franz Witsch
Nejat (Baki Davrak) möchte zurück in die Türkei, in einen Buchladen mit deutschen Büchern darin. Da kommt es ihm gut zupass, dass der deutschstämmige Besitzer eines solchen Ladens zurück nach Deutschland sich sehnt und verkaufen möchte. Warum wollen Sie verkaufen?, fragt Nejat. Ich habe Heimweh, antwortet er, Heimweh nach der lebendigen deutschen Sprache. Die ist in diesem Laden so tot wie Lateinunterricht in der Schule. Das Deutsche steht hier rum wie in einem Museum. Da spricht der Bildungsexperte, ein wenig gebrochen, wie eben Menschen sprechen, die nach dem wirklichen Leben hungern. Endlich mal wieder richtig aus sich rauskommen können: deutsch reden. Und Sie?, was machen Sie? Ich bin Germanistikprofessor in Deutschland. Schließlich bekommt jeder, was er braucht. Scheiße, wieso kann es nicht immer so laufen zwischen Türken und Deutschen.
Ist das nicht super? Ein Professor, der auf seine Professur, vielleicht gar auf seine Pension scheißt, hat bestimmt umso wertvollere innere Werte, für die sich nicht nur in Deutschland so recht keiner mehr interessiert, würde Merkel sagen. Fatih sagt, “nur Bildung kann die Welt retten.” Wahrlich, ich sage euch, mit mehr Bildung liefe manches besser, nicht nur das mit der Globalisierung, oder so, sondern auch das mit den Ausländern.
Und Fatih mag als Gebildeter keine Wiederholungen. Im Unterschied zu seinem Film “Gegen die Wand” (2003), ein gewaltverherrlichendes Machwerk – im Gestus der Betroffenheit, versteht sich – ist dieser Film öffentlich-rechtlich geläutert. Vielleicht ja doch nicht ganz. Hat der NDR etwa nicht richtig aufgepasst? Auch in diesem Film darf die besinnungslose Gewalt zu Worte kommen. Warum auch nicht. Selbst in einem Gewaltmenschen steckt so viel Menschliches, ja Liebenswürdiges. Böses und Gutes liefern sich da einen ewigen Kampf. Und zuweilen obsiegt das Böse. Damit müssen wir leben können. Meinte schon Goethe in seinem Götz: “Wo viel Licht ist, ist starker Schatten, doch wär mir's willkommen. Wollen sehen, was es gibt.“ Nejats Vater (Tuncel Kurtiz) erschlägt seine Nutte (Nursel Koese) im Affekt, weil sie nicht so will wie er, obwohl er sie bezahlt hat.
Warum tut er das? Ganz einfach, weil er Goethe nicht kennt. Mit Bildung wäre ihm das gewiss nicht so leicht passiert. Am Ende obsiegt aber das Gute: wächst mit viel Herz auf wundersame Weise zusammen, was zusammen gehört. Was, verrät der Film nicht ganz. Das will er dem Zuschauer nicht vorkauen. Er soll auch mal was phantasieren dürfen.
Import Export, Österreich 2007 (Kinostart: 18.10.2007) Regie: Ulrich Seidl Hamburg, 23.08.2007 von Franz Witsch
Der Film ist ein drastisches Protokoll randständiger Existenzen, das zu versöhnlichen Gefühlen beim ängstlichen Mittelstandsbürger nicht gerade einlädt. Versöhnliches mag sich dennoch in der einen oder anderen Figur verstecken. So bei Olga (Ekateryna Rak). Objektiv gesehen besitzt sie gegenüber anderen Randexistenzen keinen besonders privilegierten Zugang zur sozialen Realität, es sei denn durch sich selbst, gehalten, sich einen solchen mit viel Kraft abzuringen. Es gelingt ihr immer wieder, ihrer schmutzigen Welt etwas abzugewinnen, um sie tatsächlich als eine von Wert zu durchleben. Ohne sich im klischeeträchtigen Voyeurismus zu verlieren, zeichnet der Film kompromisslos eine Gesellschaft ohne zukunftverheißendes Vernunftzentrum, zirkelschlüssig so in der Art: ach wäre die Welt doch anders, könnten die Menschen es ebenfalls sein: das Gute, sprich: Vernünftige, aus sich heraus gebären, um damit wiederum die Welt zu beschwängern und alles wäre gut. Wesentlich sind dem gegenüber vernunftwidrige Fluchtpunkte der Verheißung selbst dort, wo man sie am allerwenigsten vermutet.
Tom Cruise und die Lust am Untergang Meditation über Verführung Heide, 22.08.2007 von Werner Hajek
Stauffenberg, Der letzte Samurai Der Untergang, Die Nibelungen Heldentode, Heldenepen Helden des Scheiterns Morbide Mythen Todesliebhaber, Lebensverachter Volkssturm, Werwolf, Kamikaze Weltkriegsverlängerer Die Kunst des Sterbens, die Kunst des Lebens Sterbenskünstler. Lebenskünstler Helden des Überlebens, Trümmerfrauen, Kriegskinder Ehrenvoll sterben, tapfer weiterleben Mut zum banalen Alltag, Mut zur Schande Nach den Mühen der Berge die Mühen der Ebene
Three Times, Taiwan 2005 Regie: Hou Hsiao Hsien Hamburg, 12.08.2007 von Franz Witsch
In drei Episoden erzählt der Film von der Liebe und konfrontiert dabei drei unterschiedliche Zeiten miteinander, in denen die Liebenden jeweils anderen Anforderungen ausgesetzt sind. Er geht extrem sparsam mit Dialogen um. Stattdessen versucht er, dem Thema mit poetisch stilisierenden Bildern beizukommen, die gegen herrschende Sehgewohnheiten natürlich ihre Zeit brauchen, um in der dritten Episode abrupt im Straßenlärm der Großstadt Taipei unterzugehen. Aber nur kurz, denn auch hier wird der Zuschauer bald gefangen genommen von der schauspielerischen Präsenz insbesondere der Hauptdarstellerin Shu Qui. Sie spielt in allen drei Episoden die Liebende und stellt auf beeindruckende Weise ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis.
Die erste Geschichte spielt 1966. Große Freiheiten kündigen sich an – unmerklich, unspektakulär: Shu Qui trifft in einer Billiardhalle auf einen jungen Mann. Dort stehen die Leute einfach so rum, machen dies und jenes, schieben im wahrsten Sinne des Wortes eine ruhige Kugel. Dabei entsteht Liebe, mal eben so, im Vorbeigehen, obwohl es keine Zukunft gibt, denn der Liebende muss am nächsten Tag zur Armee. Die Bilder gewinnen nur langsam und dann immer nachhaltiger an Suggestivität und kommen dabei ganz und gar ohne den gefühlsseligen Blick aus – bei aller mitschwingenden Trauer über das, was nicht entstehen kann. Stark.
Die zweite Episode spielt 1911 im feudalen China, in dem es unter der Oberfläche stark ritualisierten Verhaltens mächtig gärt, sich die spätere Revolution nicht weniger unmerklich vorbereitet, die auf das von Japan kulturell überformte Taiwan ausstrahlt. Die Menschen machen sich in ihrem Alltag keine Vorstellung, was um sie herum passiert, passieren muss. Die Liebenden begegnen sich, ohne Hang, ihren Spielraum zu erweitern, der ihnen von feudal geprägten Ritualen auferlegt ist.
Das ändert sich abrupt in der dritten Episode. Sie spielt im Jahre 2005. Hier besitzt die Liebe alle nur denkbaren Spielräume, mehr virtuell als sie wirklich zu nutzen: die Liebenden reden viel, alles scheint möglich, und dennoch haben sie sich kaum etwas zu sagen; vielleicht weil im Zeitalter des Internets und des Videospiels Fragen, vor allem das Engagement überflüssig werden, weil immer schon alles gesagt, für alles gesorgt ist: Ziele sich in Gesten und daran geknüpfte – nicht einmal besonders höfliche – ritualisierte Aufmerksamkeit verwandelt haben. Gesten, die die Liebenden nicht zu schätzen vermögen so in der Art: das Ritual mag tot sein; sinnlos geworden lebe es dennoch hoch.
Auf die Frage, ob denn früher alles sinnvoller und daher mehr Glück in der Liebe möglich gewesen sei, antwortete der Regisseur im Anschluss der Filmvorführung außergewöhnlich liebenswert, aber indifferent: Das müsse jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden, als würden die verschiedenen Welten für sich selbst sprechen müssen; als sei Kunst, die darüber hinaus Stellung bezieht, keine gute Kunst; als ließe sich Vergangenheit lebens- und liebenswert darstellen ohne die Gefahr einer verklärenden Mythologisierung.
Ein fliehendes Pferd, Deutschland 2007 nach der gleichnamigen Novelle von Martin Walser Regie: Rainer Kaufmann Hamburg, 21.07.2007 von Franz Witsch
Eine Welt, die nicht mehr fragt
Schopenhauer als Lebensform. Nicht nur dass es, frei nach Adorno, das richtige Leben im Falschen nicht gibt, nein, ohne Umschweife lebt Helmut (Ulrich Noethen) gleich das Falsche, aus tiefster Überzeugung, ohne noch einen Gedanken zu verschwenden, ob es denn ein richtiges Leben geben könnte. Er will einfach nur in Ruhe verbittert sein. Obwohl – seine Antennen sind immerzu und überall hin ausgefahren. Ihm entgeht nichts. Nicht noch so kleine Lebensäußerungen, aber nur um sie dann umso erbitterter zu bepöbeln. Zufrieden mit sich selbst ist er im Schilf, wenn er dem Gezwitscher seltener Vögel lauscht. In der Natur kann er seinen Voyerismus ausleben, ohne Verdacht zu erregen. Wieder zu Hause frisst das Ressentiment, der Neid; ist er ganz und gar nicht zu Hause: mag er, genau genommen, nicht einmal sich selbst. Ja, er zelebriert Verbitterung zwanghaft bis zum Überdruss, den er hinter der allesverstehenden Fassade des Deutsch- und Geschichtslehrers verbirgt.
Unerträglich, diese Leichenbittermine. Und das im Urlaub, ja gerade im Urlaub. In den Ferien gibt’s schön viel Zeit und Muße, zirkelschlüssig immer wieder den Beweis vor sich hin zu murmeln, dass alles ohnehin keinen Sinn hat, selbst wenn Säfte rufen und es was – einfach nur so – zu tun gäbe. Stöhn. Seine Frau Sabine (Katja Riemann) besorgt sich’s auch nur selbst, bis – ja bis Helmuts alter Schulfreund Klaus (Ulrich Tukur) wie zufällig aus dem Nichts auftaucht, unbeschwert, lebenslustig, mit seiner viel jüngeren, nicht weniger lebendigen Freundin Helene (Petra Schmidt-Schaller). Wau, ganz schön knackig, überdies nicht auf den Mund gefallen. Synchron, wie abgesprochen, bringen sie das klebrige Leben des misanthropischen Lehrers und das seiner zu lebenshungrigen Frau gehörig durcheinander. Ein Sadismus, der sich hinter Lebensfreude versteckt, dafür umso wirksamer. Bedürftigkeit, wenn sie denn bis zum Halse steht, hat kein Bock auf Details.
Etwas ist sehr erfreulich: Katja Riemann (“Ein Mann für jede Tonart”, “Ich bin die Andere”) nervt viel weniger als sonst. Das Älterwerden scheint ihr gut zu bekommen. Und der Film ist auch insgesamt gut gelungen, auch wenn er ein wenig aufdringlich nur unterhalten will. Wie auch anders einer Welt – die konsumiert, um zu konsumieren – nahe bringen, dass es Fragen gibt, die es wert sind, dass man sie fragt? Eine Welt, die nicht mehr fragt. Wozu?, wenn man Antworten hat.
En La Cama, Chile 2005 (Kinostart: 25.10.2007) Regie: Matísa Bize Hamburg, 20.07.2007 von Franz Witsch
Warum erzähst du mir das?, fragt Daniela. Weil wir morgen nicht mehr zusammen sind, antwortet Bruno. Zwei Fremde (Blanca Lewin, Gonzalo Valenzuela) lernen sich in einem Hotelzimmer kennen und lieben. Während der Nacht entsteht Intimität, eine Transparenz, die sich entwickeln kann, so scheint es, weil sich die Liebenden nicht kennen. An auftretenden Konflikten klebt keine Vergangenheit, die der eine dem anderen zur Last legen könnte, und die daher uneingeschränkt einer Analyse zugänglich sind. Anrührend.
Transformers, USA 2007 Regie: Michael Bay, Produzent (ausführend): Steven Spielberg Hamburg, 15.07.2007 von Stefan Schmidt
Der Krieg im Kinderzimmer
US-Regisseur Michael Bay, der sich mit ideologisch verbrämten Entertainment wie „The Rock“, „Armageddon“, „Pearl Harbor“ oder zuletzt „The Island“ als kassenträchtiger Manipulator von Geist und Seele etablieren konnte, und sich als Produzent der Neuauflagen des „Texas Chainsaw Massacre“-Franchise in den Club der Menschenverächter der Unterhaltungsindustrie einschrieb, wagt sich nun mit seinem neusten Medienanschlag auf für ihn bis dato unerobertes Terrain. Mit „Transformers“ serviert er sein erstes kinderfreundliches Kriegsvideo mit einem Produktionsbudget von 150 Millionen Dollar auf Filmformat aufgeblasen und das in Digital befreiter blutloser Art, quietschmetallbunt, fröhlich-fidel-geil und arglos-sinnlos schwadronierend. Ein Thema das bisher so genannten Erwachsenen und Heranwachsenden vorbehalten war (wenn wir Internet, Schule und den Freundeskreis unserer Kleinen außen vor lassen), erobert nun die Kreise jener, die noch nicht lange den Windeln entwachsen sind (oder gerne dahin zurück möchten).
„Transformers“ sind Spielfiguren, die sich, wie der Name verheißt, verwandeln können, zumeist in Autos, Hubschrauber, Panzer und anderes kriegsdienliches Flug- und Fahrgerät. Sie tauchten zum ersten Mal in den frühen 80er Jahren in den Spielzeugläden auf und haben sich seitdem eine respektable Käuferschaft kultischer Verehrer aller Altersstufen von der Windelklasse bis zum frühsenilen Schwachsinnsein erobert. „Transformers“ gibt es als regelmäßig neu aufgelegte und aktualisierte Spielfiguren, als Comic-Serie, als Zeichentrick-Serie, als Animationsfilm und nun auch als Realfilm, wobei der Begriff Real nur auf die Methode der Präsentation, nicht aber auf die inhaltliche Ausarbeitung anzuwenden ist. Denn die ist soweit weg von jeder Art wirklichen Lebens auf diesem Planeten, dass man schon ein sehr seltsamer Teenager, Soldat oder gar ein sehr seltsamer Verteidigungsminister sein muss, um sich in diesem Elaborat wieder zu erkennen. Dass dies aber ein Anliegen der Macher war, verraten jene dem Eingeweihten oder auch eingeseiften Journalisten im für den Filmclip präparierten Pressematerial, das dem Filmkritiker fertige Satzkonstruktionen, Ansichten und Meinungen vorkaut, auf dass er selbst gar nicht wissen und erkennen muss, was ihm oder ihr da serviert wird. So erfahren diese und auch wir anderen die sich lieber zu Hause waschen als im Kino eine geseift zu bekommen, dass auf der einen Seite etwa ein großer Respekt vor der von Marktstrategen der Spielzeugfirma Hasbro entworfenen Mythologie und ihre Bedeutung für alle Transformerkäufer von Anfang an da war und auf der anderen Seite aber auch unbedingt eine sehr menschliche Geschichte erzählt werden wollte.
Den Respekt nehmen wir den Machern ab; klar man will seine Kunden nicht verprellen bevor sie bezahlt haben. Dass man dazu aber in die Abgründe des ekelhaften Verführers selbst hinabsteigt und sich nicht entblödet, für den Erfolg der Produktion auf dem erweiterten Markt sich selbst zum Schandmal menschlicher Kulturgeschichte zu machen, zeigt der als Ausführender Produzent gelistete Steven Spielberg. Er erzählt, dass er die Comics und Spielzeuge für sich selbst kauft, dass er zwar mit seinen Kindern und den Robotern spielt, aber tatsächlich sei er derjenige, der voll darin aufgegangen ist. Ja, genau das haben wir eigentlich immer schon vermutet, denn irgendwie steht doch hinter dem Geist von Indiana Jones, „E.T“. und „Schindlers Liste“, „München“ eine Verwandlungsfähigkeit die wir nie begriffen hatten. Nun sorgt der Meister selbst für Klarheit: er ist ein Unterhaltungsregisseur, der sich in einen ernsthaften Regisseur verwandeln kann. Dumm nur, das seine Macher vergessen haben, ihm diese Fähigkeit auch im Inneren mitzugeben und nicht nur auf die Verpackung zu schreiben.
Nachdem geklärt ist, warum Herr Spielberg an Bord dieser Produktionen ist, brauchen wir uns den Motivationen der anderen nicht mehr zuzuwenden; denn obgleich alle was anderes sagen: es geht nur ums Geld und natürlich auch, weil Michael Bay sich wenigstens einmal seine Berufsbezeichnung, die er auf dem Gehaltsscheck angibt, verdienen wollte und einen Stoff von Gehalt, will sagen: was Anspruchsvolles drehen wollte. Da kam ihm ein Kriegsfilm für Kinder recht, einer, der mal einen unüblichen Ansatz bietet: sonst sieht man Kinder immer in Kriegsfilmen, Sie wissen schon: wie sie sterben, weinen, verhungern, geschlagen, gedemütigt und getötet werden. Aber das tolle an diesem Kriegsfilm ist – er ist für Kinder gemacht und darum sieht man kein einziges drinnen sterben, obwohl viele Menschen durch alle Altersklassen hindurch und ein paar Roboter draufgehen. Das nenne ich einen neuen Ansatz, eine neue Zielgruppe, neue Vermarktungsidee und so weiter, und das soll dann wohl auch die menschliche Idee hinter diesem Werbefeldzug sein: das militante Kind, gleich welchen Alters, ansprechen. Denn, wie gesagt, im Filmclip ist nichts anderes zu finden.
Bevor Sie aber in finstere Gedanken abdriften, gehen wir ans derb Handfeste, an die witzigen Fakten wie Sie Ihnen im Kino serviert werden sollen, sofern Sie so übel dran sind, sich mit solchen Elaboraten Unterhalten lassen zu können. Wir wissen nun, dass der Film auf den ihm Namen gebenden Spielfiguren basiert. Nun wollen Sie sicherlich wissen, um was es denn in diesem Machwerk geht? Ja um was eigentlich? Lassen Sie uns zurückschauen…
… Da gibt es einen Würfel (der nichts mit Clive Barkers „Hellraiser“ zu tun hat), der irgendwann, irgend woher kam und DIE Power hat, so ein Würfel mit dem göttlichen Funken eben. Der sorgt für Entwicklung und Leben im Universum und regelt alles so wie es ihm gut gefällt. Nachdem also Harmonie und alles umfassende Liebe das Universum erfüllen, wird es einigen zu langweilig und sie fangen an zu marodieren (Milton und DIE Bibel lassen grüßen), und sie revoltieren wider den Würfel, ihrem Herrn und Schöpfer und alles geht in die Brüche und dabei kaputt.
Während die Welten in Krieg und Trümmer baden, geht der Würfel verloren, man könnte auch sagen, er macht sich aus dem Trümmerstaub. Irgendwann, sehr viel später, macht der eckige Gott eine Bruchlandung auf einem Planeten, der von seinen primitiven Bewohnern Erde genannt wird. Und damit kommen wir ins Spiel, denn falls Sie es noch nicht geschnallt haben, die primitiven Bewohner sind wir, nicht die Affen, die kommen erst noch auf – aber nicht mehr in diesen Filmclip. In der Zwischenzeit dienen wir eben den Mächten der Erschöpfung als fleischgewordene Spielkugel. Aber weiter im atemlosen Taumel der Geschichte, die ein wenig Historie bemüht und uns etwa erklärt, warum der Hooverdamm wirklich gebaut wurde, Sie würden staunen, aber uns interessiert das nicht. Wichtig allein ist, der Würfel ist hier und diejenigen, die sich um ihn in Krieg und Frieden bemühen, sind ihm auf den Fersen.
Der Krieg um die Macht, denn um diese geht es (und um Umsatz), kommt also vor unsere Haustüre und wie es das Zielpublikum eben will, gerade in die Hände eines stark pubertierenden US-amerikanischen Jünglings. Der Rest ist Geschichte, aber Anti-Geschichtenerzählerei. Es gibt das passende Teenager-Mädchen dazu, die in ihrer körperlichen Entwicklung dem Jungen um ein paar deutlich auszumachende Jährchen überlegen ist, es gibt das passende Auto dazu (sonst hätte der – jenes darstellende – Transformer auch keinen Sinn in seinem ereignislosen Leben), und es sind die passenden mehr oder weniger für die Nöte ihres Heranwachsenden, verständnisvollen Eltern da. Ferner gibt es naturgemäß eine Menge Soldaten und Flugzeuge und Flugzeugträger und Überwachungsflugzeuge und Kampfjäger und alles eben, was in eine problembeladene Pubertät moderner US-Amerikaner gehört.
Ah, beinnahe vergaß ich zu erwähnen, am Beginn des Streifens, so ziemlich zu einer Zeit, in der noch alles klar und die Lage überschaubar ist, wird eine ganze US-Militärbasis irgendwo im Nahen Osten ausradiert, nein, nicht von den eigenen Leuten wie man das kennt, sondern von ROBOTERN. Und um die temporeiche wie temporäre Schmach des großen Kreuzritters aus Texas vollkommen zu machen: von einem einzigen Blechkumpel. Was der Kerl (ein BÖSER Transformer) da in die Soldaten und ihre Panzer, Flugzeuge, Munitionslager, Baracken, Krankenstationen und Funkzentralen feuert, ist nicht mehr feierlich. Jeder Anti-US-Amerikaner führt dabei im Kino einen Freudentanz auf, darum wird der Film auch außerhalb der USA die besten Kritiken für die ersten fünf Minuten bekommen und wohl in extrem gekürzter Fassung zum Klassiker werden.
Aber um Tempo zu machen: irgendwann gelangt der Junge irgendwie unter irgendwelchen Umständen in den Besitz des Würfels, der Nicht-Gott-aber-so-ähnlich ist, und erfährt dabei noch endlich, warum der Hooverdamm (der früher anders hieß) nun wirklich erbaut wurde – aber das nur Nebenbei. Mehr oder weniger. Wir erfahren, dass seine (noch) platonische Schulfreundin als typisches All-American-Girl auch Autos kurzschließen kann, eine kriminelle Vergangenheit hinter sich hat und wie der Teufel fahren kann. Weiterhin erfahren wir von Soldaten, die irgendwie doch das Massaker zu Beginn des Filmclips überlebt haben, und die nun irgendwie mitten hinein in das Hauptschlamassel, in die dampfende Körperausscheidung, also voll in die Action gesandt werden. Dass man dabei das Gefühl hat, das geschieht, damit die US-Groundforces ihre neuen Nahkampf-, Bodenkampf- und sonst wie Kill-Entwicklungen präsentieren können, soll nicht stören. Schließlich ist dieser Film nichts weiter als ein Multiwerbeclip für Transformers, US-Armee, General Motors und American-Deathculture in einem.
Um das zu untermauern, haben die Macher nicht nur die Unterstützung des genannten Autoherstellers, sondern in erster Linie jene des Pentagons bekommen. Sie zweifeln? Aber nicht doch. Das Verteidigungsministerium hat Herrn Bay, Freund von Jerry „The-Army“-Bruckheimer, jenen militärbesessenen Hollywoodproduzenten, der uns die meisten Bay-Filme auch ins Kino brachte, voll unterstützt. So durften die Darsteller und Drehteams auf diversen aktiven Luftwaffen- und Militärstützpunkten und im Pentagon selbst drehen, ganz nach dem Motto Business as usual. Der 11.September ist lange vorbei, also lasst uns wieder Hollywood Reklame für uns machen.
Kriegsspiel Hollywoods unter fachmännischer Anleitung der Armee. Das hört man gern, so ist für Qualität gebürgt, schließlich wurden bis auf wenige Ausnahmen alle militärischen Rollen, samt den Statisten, von sich im Dienst befindlichen oder ehemaligen Soldaten gespielt. Schön, diese Verbundenheit einer Gesellschaft mit seinem Militär. Von wegen Vorurteile, von wegen überflüssig, von wegen Mörder. Sind alle nette Jungs und Mädels, die für uns vor der Kamera schießen, fliegen, landen, starten, ausladen, einladen, suchen und so-tun-als-ob-zerstören. Und der US-Steuerzahler spart dabei: Gehälter und Sold des für den Film aufmarschierenden Tötungspersonals zahlte für die Dauer dieses speziellen Einsatzes die Filmproduktion. Was sich rechnet, denn statt ausschließlich tricktechnischen Eigenbauten und CGI’s, bekommt man hier meist das Echte zu sehen. Dafür bietet etwa die Air-Force einige ihrer schärfsten Tötungsmaschinen auf, die Herr Bay in emotionales Rot, in flackerndes Strahlelicht taucht. Selten wurde aktuelle Militärtechnik so schön in Aktion photographiert. Da muss den verantwortlichen im Pentagon heiß unterm Helm und warm ums Stahlherz geworden sein. Die aufmarschierende Phalanx von Technik darf in der von Herrn Bay zu verantwortenden heldisch-ästhetisierten Inszenierung sicher als der gelungenste Akt von Hochglanz-Maschinenpornographie der letzten Jahre gewertet werden: so wird die protzende Darstellung der Massentötungsmechanismen ihre Wirkung bei Militärfans und Waffennarren auch nicht verfehlen.
Dass der enorme Apparat dazu dient, allzu offensichtliche, gravierende Mängel in der Erzählung, der Ausarbeitung von Charakteren, der Entwicklung des Plots, die gesamte künstlerische Impotenz des Drehbuches und des Regisseurs aus der Wahrnehmung des Publikums zu drängen, ist nichts besonderes im zeitgenössischen Unterhaltungskino. Was „Transformers“ jedoch aus der Masse qualitativ vergleichbarer Produkte hebt, zu einem infamen Werkzeug der Parole „Umsatzoptimierung um jeden Preis“ macht, ist sein offen formulierter Anspruch auf die Kolonisierung des Kinderzimmers. Ein kindgerecht zu Recht(ens) gemachter Kriegsfilm, der sich Dank der Beliebtheit eines Spielzeuges dort als sechste Kolonne einnistet. Schwerfällig mit einigem phantastischen Element aus der Spielwelt verbrämt, bleibt er, was er ist und wird auch durch noch so geschickte Werbung für diese Werbung nichts anderes: ein Kriegsspiel, das mit allen Mitteln des tricktechnischen Kinos und der Militärs aufwartet, um Vorstellungen von Chaos und Vernichtung, von Massentöten und Heldentum in aufnahmebereite Köpfe zu transportieren. Michael Bay hat dabei nicht wenig von Ridley Scotts Kriegsheldenepos „Black Hawk Down“ gelernt: die Visualität von „Transformers“ ähnelt zu oft frappierend jenen Bildern, die Herrn Scotts Film zum State-of-the-Art des Krieg-in-den-Straßen-Filmes machten. Aber natürlich fliest hier kein Blut, nur Schweiß und Tränen. Der rote Körpersaft wird so sorgsam ausgespart, dass man der Meinung sein könnte, Menschen wären Puppen, die mit Stroh gefüttert sind. Es wird allerorten gestorben: erschossen, zermanscht, zertreten, in die Luft gejagt, zerstrahlt, erschlagen, vom Feuer verschlungen und so weiter. Das es dabei keine Leichenteile, kein Blut, nicht einmal wirklich sichtbare Tote gibt ist eine demagogische Meisterleistung. Wahrscheinlich merken die Kleinen erst dann, dass es mit der Wirklichkeit anders bestellt ist, wenn sie bei ihrem ersten freudig erwarteten Kriegseinsatz eine Kugel in den Bauch bekommen. Das blutet wie Sau! Und tut höllisch weh! UND: ach Misst, gerade jetzt ist kein Transformer da, der einen aus der Patsche herausholt.
Wer meint, das sei übertrieben, den sprechen wir noch mal in zehn Jahren. Wenn eine neue Generation lustiger Rekruten mit dem Transformersliedchen auf den Lippen in den nächsten Terrorristen- und Ölkrieg zieht. Dass sich das auch dem Thema entsprechend anhört, dafür sorgt ein Komponist aus dem Hause Hans Zimmer, einer jener Klone des Meisters, die daran arbeiten, dass sich Musik Made-in-Hollywood immer weniger voneinander unterscheidet. Herr Zimmer („Gladiator“, „Pearl Harbor“, „Der Da Vinci-Code“), Meister patriotisch-heldischer Akustikpopanzen mit einfacher Melodieführung und energischen Marschrhythmen, ist der Urheber dieses Trends einer neuen Filmmusik, die schon jetzt die Altgewohnte ist. Sein Schüler Steve Jablonsky („The Texas Chainsaw Massacre: The Beginning“, „Die Insel“), der mehr Talent hat als er hier zeigen darf, muss den Meister, soweit in seinen Kräften stehend, kopieren. Wer das Zeug im Film hört, fragt sich schon, welcher Komponist das wohl sein soll, denn die Auswahl an vom Meister sanktionierten Klonen geht bald ins Dutzendfache.
Doch egal, bei der Uniformität des momentanen Kinos aus Hollywood macht es schließlich auch keinen Sinn mehr, Komponisten mit individueller Tonsprache einzusetzen. Man will Erfolg und erfolgreich ist, was erfolgreich war. Und damit sein wird. Und so wird, wenn man den Machern ihre Wünsche erfüllt, dieser Filmclip nur der angedrohte BEGINN eines Film-Franchise, den man in den nächsten Jahren fortzusetzen wünscht – wenn die US-Truppen nicht mal wieder damit beschäftigt sind, anderswo Zivilisten über den Haufen zu schießen, stehen sie natürlich wieder als Statisten für Zivilisten zur Verfügung – aber das sind Zivilisten mit Geld, die bezahlen noch für ihren Tod, der ja nur ein geistiger ist, denn MERKE: nur ein gesunder amerikanischer Körper hat keinen Geist. Damit dieses Endziel seelischer Auslöschung schnellstmöglich erreicht wird, bietet die US-Todeskultur alles auf und wir, als Kolonien multipler Abhängigkeiten, hängen da natürlich mit drin.
Absch(l)ießend darf einer der Beteiligten selbst die Qualität der Sache aus seiner Sicht kommentieren: vor-der-Kamera-herumsteher Shia LaBeouf hat in seiner Hauptrolle als Sam „Die Pubertät“ Witwicky kein Wort von Belang zu sagen. Zu seinem Regisseur freilich schon. Ihm sagt er in naiv-freundlich Worten das folgende: „Die Leute lieben Michael Bay oder sie hassen ihn. Das ist einfach eine Tatsache“, lacht er. „Er ist kein Elia Kazan, das sagt Mike auch selber. Natürlich ist mein Ziel mit allen Arten von Regisseuren zu arbeiten“. David Cronenbergs frühe Regiearbeit „Scanners“ warb einst mit der Zeile „Wenn Gedanken töten können!“ Das Hollywood von heute hat diese imaginäre Geisteswaffe als Prinzip verstanden, seine Filme werden mehr und mehr auf Zelluloid gebannte Parolen, Gebote und Verbote, visualisierte Dogmen. Terrorismus trägt den Krieg in die Städte des Feindes, Hollywood trägt ihn in die Kinderzimmer der Städte. Dort lässt sich eine Art Wachablösung beobachten: so wie das Wort mehr und mehr durch das Bild ersetzt wird, wird der heranwachsende Mensch mehr und mehr eins mit der anschwellenden sprachlosen Masse.
Absch(l)ießend darf einer der Beteiligten selbst die Qualität der Sache aus seiner Sicht kommentieren: vor-der-Kamera-herumsteher Shia LaBeouf hat in seiner Hauptrolle als Sam „Die Pubertät“ Witwicky kein Wort von Belang zu sagen, über seinem Regisseur schon. Über ihm sagt er in naiv-freundlichen Worten folgendes: „Die Leute lieben Michael Bay oder sie hassen ihn. Das ist einfach eine Tatsache“, lacht er. „Er ist kein Elia Kazan, das sagt Mike auch selber. Natürlich ist mein Ziel mit allen Arten von Regisseuren zu arbeiten“.
David Cronenbergs frühe Regiearbeit „Scanners“ warb einst mit der Zeile „Wenn Gedanken töten können!“ Das Hollywood von heute hat diese imaginäre Geisteswaffe als Prinzip verstanden, seine Filme werden mehr und mehr auf Zelluloid gebannte Parolen, Gebote und Verbote, visualisierte Dogmen. Terrorismus trägt den Krieg in die Städte des Feindes, Hollywood trägt ihn in die Kinderzimmer der Städte. Dort lässt sich eine Art Wachablösung beobachten: so wie das Wort mehr und mehr durch das Bild ersetzt wird, wird der heranwachsende Mensch mehr und mehr eins mit der anschwellenden sprachlosen Masse.
Heartbreak Hotel (Schwedisch für Folrtgeschrittene), Schweden 2006 Regie: Colin Nutley von Rebecca Tan Hamburg, 11.06.2007
Sharon Waxman wrote (NYTimes, April 26, 2007) that Hollywood is no longer making movies for women 40 years and older. Forget Hollywood! From Sweden comes a wonderful film which should delight women of all ages. Elizabeth (Helena Bergström) is a divorced gynaecologist; Gudrun (Maria Lundqvist) a traffic warden. After three chance encounters, they become friends. Encounter one: Gudrun writes Elizabeth a parking ticket, which results in a huge argument. Encounter two: Gudrun goes to a gynaecologist at her daughter’s urging. The doctor is none other than Elizabeth. Encounter three: After her divorce Elizabeth decides to have fun in a disco (in the Heartbreak Hotel of course). She spies Gudrun sitting morosely on a bar stool where she is having no fun at all, but again she is there at her daughter’s urging. Both are single, over 40, and “tenil” (senile teenagers, according to Elizabeth’s son). Their friendship grows, at first unevenly with Elizabeth the driving power. Soon Gudrun catches up and arranges blind dates for them with motorcyclists; here Gudrun is the strong one and Elizabeth falls apart with a vengeance (my favourite scene).
I enjoyed this film immensely; I recognized myself and my friends. It’s hard to imagine that a man could be behind it, but director Colin Nutley is a man, albeit smart enough to encourage input from Berström (his wife and actress in 11 of his films), as well as from Lundqvist, one of Sweden’s top actresses. There are many scenes which could stand alone as skits, and they are deftly put together to flow smoothly (edit: Perry Schaffer). The music is boppy with three songs from Sweden’s top singer, Jill Johnson, who plays a small role; there are no dull moments. My only reservation is that Elizabeth and Gudrun were out to have fun, but why did they want to date, after disappointing experiences with their husbands? Maybe men, even weak ones, are necessary after all. This humorous film was a big hit at the 2006 Filmfest Hamburg, where it won an audience prize over six other European films.
Der Traum (OT: Drømmen), Dänemark 2006 Regie: Niels Arden Oplev von Oliver Schumann Hamburg, 20.05.2007
Dänemark im Sommer 1969, auf dem Lande in Küstennähe. Für den 13-jährigen Frits (Janus Dissing Rathke) und seine jüngeren Schwestern haben die Sommerferien gerade erst begonnen. Doch die unbeschwerten Tage bekommen einen massiven Dämpfer, als Frits' Vater Peder (Jens Jørn Spottag) wegen einer starken Depression ins Krankenhaus muss. Die junge Familie Johansen bewirtschaftet einen Bauernhof mit Milchkühen und Ackerland, – ans Verreisen ist nun erst recht nicht mehr zu denken. Als Trost schafft Stine (Anne-Grethe Bjarup Riis), die Mutter, ein TV-Gerät an. Der vielseitig interessierte Frits erfährt im Fernsehen von der Hippie-Bewegung, den Demonstrationen in der Hauptstadt Kopenhagen und schließlich der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der Junge ist fasziniert vom Friedensnobelpreisträger Martin Luther King und sein gewaltfreies Engagement für soziale Gerechtigkeit und gegen die Unterdrückung der afro-amerikanischen Bevölkerung.
Nach den Ferien kommt Frits auf eine andere, weiterführende Schule. Der dortige Schulleiter Lindum Svendsen (Bent Mejding) ist als autoritär, konservativ und züchtigend gefürchtet. Ausgerechnet dieser Direktor, der sich vor seinen Schülern gerne als "General" bezeichnet, übernimmt die 6b (mit Frits und einem früheren Schulfreund) als Klassenlehrer! Außerdem wird der Junge vom Bauernhof vom ersten Tag an ausgegrenzt, – wahrlich schlechte Voraussetzungen für das beginnende Schuljahr. Einziger Lichtblick in dieser Situation ist ein junger Referendar in Probezeit (Anders W. Berthelsen), der ganz offensichtlich der neuen Jugendbewegung entsprungen ist. Freddie Svale ist Musiklehrer mit frischen Ideen! Ideen, die das Kollegium ablehnt, die Schüler jedoch schnell lieben lernen.
Es dauert nicht lange und Frits wird von vermeintlich wohlwollenden Klassenkameraden zum heimlichen Beobachten in die Mädchenumkleide geschleust. Die Jungs lassen das Versteck auffliegen, um den gutmütigen Mitschüler bloßzustellen. Das hat zur Folge, dass Frits von Direktor Svendsen dermaßen am linken Ohr misshandelt wird, dass es genäht werden muss. Es ist Referendar Svale, der den Jungen zum Schularzt fährt, in dessen Praxis Frits' Mutter als Krankenschwester das Einkommen der Familie aufbessert. Mit der stillen Unterstützung von Freddie Svale entschließen sich die Johansens (Vater Peder ist inzwischen aus dem Krankenhaus zurückgekehrt) juristisch gegen den einflussreichen, ja beinahe übermächtigen Schulleiter vorzugehen. Doch so einfach lässt sich Direktor Svendsen nicht in Richtung Suspendierung drängen. Das Lehrerkollegium steht hinter ihm. Und wem glaubt man im Zweifelsfall mehr, den Aussagen des Direktors oder denen eines neuen, unbeliebten Schülers? Ein Ringen zwischen Willkür und Machterhalt gegen Wahrheit und Gerechtigkeit nimmt seinen Lauf.
Der vielfach preisgekrönte Film (u.a. Gläserner Bär des Kinderfilmfests der BERLINALE 2006) kommt mit 2-jähriger Verspätung in unsere Kinos. Dem 1961 in Dänemark geborenen Regisseur Niels Arden Oplev ist ein emotional mitreißendes, feinfühliges Stück Kino gelungen, das mit klar gezeichneten Charakteren überzeugt. Allen voran sei das Debüt des Darstellers des Frits angeführt. Die Leistung von Janus Dissing Rathke steht denen der gestandenen dänischen Erwachsenen-Schauspieler in nichts nach. Für diese soll stellvertretend Bent Mejding als Schulleiter Svendsen genannt sein, einer der großen Mimen Dänemarks, womit zugleich festgestellt wird, dass ausnahmslos jede Rolle passend besetzt wurde.
„Der Traum“, dessen Titel sich von Martin Luther Kings berühmtester Rede „I have a dream“ vom 28. August 1968 herleitet, lässt ungemein viele Themen und Sujets anklingen. Unaufdringlich und ausgewogen verweben sich Lokalkolorit mit Epochenportrait, werden unterschiedliche pädagogische Modelle mit ihrem jeweiligen Anspruch auf Gültigkeit illustriert sowie offener Machtmissbrauch dem Konzept von Liebe und Freundschaft gegenübergestellt. Diese dänisch-englische Koproduktion bietet ein reichhaltiges, emotional stimulierendes Kinovergnügen, das den Eintritt definitiv wert ist.
Irina Palm, Belgien, Frankreich, Deutschland 2007 Regie: Sam Garbarski Hamburg, 31.03.2007 von Thelma Louise Freedman
Irina Palm is a movie that goes back and forth between two totally different worlds. The one world portrays family, responsibility and good values, and the other world the sordid, self-contained atmosphere of a sex bar where people are detached and impersonal. Maggie's (Marianne Faithfull) young grandson is dying of cancer and the last shimmer of hope is a treatment available only in Australia. Because of the long illness money is scarce. Maggie no longer owns her house and the bank turns her down for a loan. She is humiliated at an employment agency where she is declared too old and unskilled to apply for a job. Naively, Maggie inquires about a "hostess wanted" sign in a London sex club. It turns out that the job description is very much different than the coffee making that Maggie had imagined. Club owner Miki (Miki Manojlovic) promises an incredible salary though and out of desperation Maggie agrees. Very soon her smooth hands make her famous and men are standing in line to be Irina Palm's (alias Maggie) customer. Not even an attack of "penis elbow" deters her. (For more details, see the film!). Adapting to her circumstances, Maggie eventually even finds rapport with Miki. This is very much a film women will identify with – the portrayal of an emotional mother/grandmother who is willing to make great sacrifices for the sake of her family. When the source of her money is discovered and Maggie is treated with such indignity by her son and the local villagers, she is forced to question whether it is necessary to remain on the same path one has always followed or whether new situations which were previously unacceptable could actually become acceptable. Marianne Faithfull is a wonderful actress. Hearing her voice in the film reminds you of the good songs this former pop singer has recorded. Also dominant is an interesting guitar score. At one point when Maggie was walking home alone with her confused thoughts and the guitar was throbbing, I was reminded of music in an old western and a cowboy walking slowly toward a shoot out.
300, USA 2006 Regie: Zack Snyder Hamburg, 26.03.2007 von Franz Witsch
Ohne die Spartaner keine Bergpredigt. Todesmutig werfen sich 300 Spartaner einer Übermacht von widerlichen Persern entgegen, Barbaren, die Orgien feiern, ohne Anstand, schlimmer als Tiere. Vergeblich versucht Leonidas, der König der Spartaner, seine Landsleute von der Gefährlichkeit dieser Tiere aus dem Osten zu überzeugen. Einzig seine 300-Mann-Leibgarde lässt ihn nicht im Stich und folgt ihm in einen aussichtslosen Kampf gegen ein Millionenheer, todesmutig und unbeugsam, während andere mit persischen Unterhändlern verhandeln wollen. Davon hält Leonidas gar nichts. Er macht mit den ungebetenen Besuchern kurzen Prozess und stößt sie eigenhändig in einen dunklen Brunnen, wahrscheinlich mit allerlei Getier darin.
Und so marschiert er 480 v.Chr. mit seiner furchtlosen Leibgarde, Helden wie sie die Geschichte nie sah, zum Thermopylen-Pass, in ein Gemetzel sondergleichen, sehenden Auges in den Tod, um der Heimatfront Freiheit und Demokratie zu erhalten, Zeit zu gewinnen, die seine Königin daheim bitter braucht, um endlich alle Spartaner zu vereinigen gegen das Böse, zu führen in einen großen Kampf, der alles entscheiden muss.
Auch Helden brauchen zuweilen Zuspruch. Damit ihr König auch wirklich marschiert, beschwört die Königin ihn: es sei seine heilige Pflicht, sich für sein Volk zu opfern. Ja, er werde sterben, er werde sie nicht wiedersehen. Ihn erwarte aber Ruhm für die Ewigkeit, wenn er Vorbild sei für sein Volk bis in den Tod hinein, wenn er sterbe für die Freiheit. Komm, ein letzter Beischlaf, bevor wir – stöhn – uns nie mehr wiedersehen. Und dann stirbt er wie nie ein Held vor ihm gestorben. Kurz bevor alles vorbei, schickt er schnell noch einen Krieger an die Heimatfront, damit er seinem Volk ein Lied singe vom heldenhaften Opfertod, auf dass Sparta lebe. Dafür muss die Königin noch allerhand Überzeugungsarbeit leisten gegen verhandlungsbereite Weicheier ohne Werte, für die sie sterben wollten. Die gibt es selbst im Volk der Spartaner. Auch heute, unter uns, sieht man sie immer und überall. Am Ende stehen aber alle Spartaner wie ein Mann hinter ihrer Königin, bereit, sich von ihr in den Kampf schicken zu lassen.
Die hat’s wahrlich nicht leicht. Immerzu muss sie sich gegen miese Typen zur Wehr setzen. Der Schlimmste unter ihnen drückt sie mit dem Gesicht zur Mauer und vergewaltigt sie. Hernach prahlt er damit vor versammelten Griechen. Kein Mittel ist ihm zu mies, um die Königin in ein schlechtes Licht zu rücken. So seht sie euch an, ihr Griechen. Kaum ist ihr Mann mal weg, treibt sie’s zu Hause mit anderen. Selbst mich hat sie nicht verschmäht. So, jetzt reicht es. Grimmigen Blicks stemmt sie dem Denunzianten sein eigenes Schwert in den Magen.
Währenddessen will das Gemetzel am Thermopylen-Pass nicht aufhören. Die Helden gönnen sich keine Pause. Zwischen den Schlachten wird weiter auf Feinde eingehackt, wenn sie noch vor sich hinröcheln. Zwischen dem ganzen Gehacke, auf Bergen von Leichen stehend, unterhält sich der König mit einem Offizier. Beide merken nicht, wie zu ihren Füßen ein Feind stöhnt. Dann endlich, die Unterhaltung ist zu Ende, und der Offizier kann endlich auf den Röchelnden einstechen. Stöhn. Will die Arbeit denn nie ein Ende nehmen? Unentwegt neu anstürmende Bestien, die entsorgt gehören.
Natürlich geht es unter den Griechen ziemlich roh und ungeschliffen zu. Aber sie schlagen schon mal eine Bresche für die Demokratie und Freiheit. Mit Bestien verhandeln? Sich von ihnen erpressen lassen? Niemals. Unsere Jungs, sie wackeln nicht. Je näher sie ihr Ende auf sich zu kommen sehen, desto fester und unbeugsamer fühlen sie sich der Freiheit verpflichtet. Dafür tränken sie die heilige Erde mit ihrem Blut. Zu keinem Zeitpunkt geben sie auf. Niemals weichen sie zurück. Freiheit oder Tod, so immer wieder ihr Schlachtruf. Männer, ihr werdet sterben, aber ewiger Ruhm wartet auf euch, der die Welt erleuchten wird, Wankende und Unentschlossene Mut machen wird, auf dass sie das Werk vollenden.
Und diese ihre Hoffnung, sie trügt tatsächlich nicht. Schon formiert sich daheim der Widerstand. Die Reihen schließen stets fester sich zusammen. “Wo die Gefahr am größten, wächst immer das Rettende auch”, so wusste schon Heidegger seinen Hölderlin zu zitieren, um den Untergang der Nazis vielleicht noch in letzter Minute abzuwenden. Auch hier stirbt der König, wie es sich gehört, so ziemlich als letzter. Die Arme nach links und rechts gereckt. So liegt er da wie der leibhaftige Jesus, blutüberströmt, von unzähligen Pfeilen durchbohrt. Hand in Hand, zusammen mit seinem getreuen Offizier. Nein, schwul sind die nicht. Sie stehen sich bei in dieser schwersten Minute ihres Lebens, beim Sterben. Der Offizier sagt mit allerletzter Kraft, es sei eine Ehre, zusammen mit dir, oh König, dem Himmelreich nah zu sein, pardon, beim Sterben vom der Mantel der Geschichte umweht zu werden. Da flennen selbst die ganz Harten.
Hört man die Filmemacher reden, so steht fest, sie glauben an den faschistischen Dreck, den sie da produziert haben. Ohne die 300 und ohne ihren unbändigen Freiheitsdrang, damit einhergehende Opferbereitschaft, würden wir heute unsere Freiheit nicht genießen können. Dafür lebten die Griechen. Das ging zwar, wie auch anders, mit der einen oder anderen Rohheit einher. Aber wirklich blutrünstig waren sie nur in Notwehr, im Krieg, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Wiewohl sie, ohne es recht zu wissen, im Keime schon das waren, was die heutige christliche Zivilisation in vollster Blüte charakterisiert. Erschreckend, der Film lief in den USA sehr gut, trotz Anti-Bush-Stimmung. Die glauben immer noch, dass der Irakkrieg nur ein Fehler war. Man möchte “unsere tapferen Jungs” wieder daheim haben. Die können doch nichts dafür. Auch sie fühlen sich im Irak von der Heimatfront, oh Dolchstoßlegende, schmählich im Stich gelassen, wie aus der Kriegsheimkehrerschmonzette “Home of the Brave” unschwer herauszulesen ist. Heute ist der Tod schwerpunktmäßig ein Meister aus den USA. Bei uns floppte “300” zumindest auf der Berlinale schon mal. Da guckten ihn aber nur Presseleute, was also nicht heißt, dass er in deutschen Kinos ab dem 5.April 07 nicht gut laufen muss. Hier sind Pressefuzzis ohnehin nicht maßgeblich. Nicht weniger stimmungsabhängig labern die heute mal so und morgen wieder ganz anders. Und überhaupt, bei so viel Kino – 400 Filme – auf einmal hatten sie vielleicht nur keine Lust mehr, diesen Dreck auch noch in sich reinrieseln zu lassen. Fest steht, jedes Land hat – zumindest ein wenig – die Filmemacher, die es verdient. Auch die fallen nicht einfach so vom Himmel.
Berlinale 2007. Ein persönlicher Rückblick von Volker Reißmann Hamburg, 20.02.2007
Wie politisch waren in diesem Jahr die auf der Berlinale gezeigten Filme? Eröffnet wurde das Festival mit ”La Vie en Rose”, einem filmischen Porträt über das Leben der Pariser Sängerin Edith Piaf. Regisseur Olivier Dahan („Die purpurnen Flüsse 2“) widmete der Künstlerin, dem „La Môme“, Spatz von Paris ein sehr subjektiv geprägte Hommage.
Die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Frau, die mit ihrer tiefen, kraftvollen Stimme Millionen in ihren Bann schlug, wies in der Tat eine komplizierte Lebensgeschichte auf. Mit Gerard Depardieu und vor allem mit der grandiosen Marion Cottilard als Edith Piaf schmücken den Film europäische Stars von internationalem Format. Warum jedoch die Jahre des Zweiten Weltkriegs im Film gänzlich ausgespart bleiben und damit Edith Piafs Spagat zwischen Pflicht-Auftritten für die Deutsche Wehrmacht und ihrer Sympathie für die französische Resistance nicht thematisiert wird, wird vermutlich nur der Regisseur selbst wissen. Politik kam demzufolge im Eröffnungsfilm überhaupt nicht vor, nur eben sehr viel episodenhaftes aus dem Privatleben der bereits im Alter von 47 Jahren verstorbenen Künstlern. Sicherlich kein schlechter Festivalauftakt, wenngleich auch mit Sicherheit nicht der beste Film des Festivals.
Dann allerdings rückten gleich zwei Filme, die inhaltlich auch überraschende Parallelen aufwiesen, den Beginn des kalten Krieges in den Vordergrund: “The Good German” von Steven Soderbergh und „The Good Shepard“ von Robert De Niro. Die Geschichte vom ”guten Deutschen” spielt im Nachkriegsberlin; ein US-Kriegsberichterstatter, gespielt von Georg Clooney, kommt vor dem Hintergrund der Potsdamer Konferenz dunklen Machenschaften auf die Spur. Er, der vor dem Krieg als AP-Korrespondent bereits in Berlin war, trifft seine ehemalige Sekretärin (Cate Blanchett) wieder, die zwischenzeitlich auch für einen der führenden Raketenwissenschaftler des NS-Regimes tätig war. Ein wenig Flair vom ”Dritten Mann”, etwas Romantik ”Casablanca” und viel Film-Noir-Atmosphäre. Der Film wurde gänzlich in Schwarzweiß gefilmt – das sind Soderberghs Zutaten. Bewußt werden antiquierte Stilmittel wie Rückprojektions-Bilder eingesetzt und auch ein paar deutsche Sätze müssen sich sowohl Clooney als auch Cate Blanchett abquetschen, was eher unfreiwillig komisch wirkt und die Authentizität nicht besonders steigert. Alles in allem eher ein filmisches Experiment, dass allgemein mit nicht besonders viel Zuspruch aufgenommen wurde.
”The Good Shepard – Der gute Hirte” hingegen ist wieder eine Regiearbeit von Robert De Niro, der auch selbst eine Rolle übernommen hat. Der Film erzählt die Gründungsgeschichte der CIA, die bekanntermaßen zunächst während des Zweiten Weltkrieges als Auslandsnachrichtendienst OSS arbeitete. Mit Matt Damon, Angelina Jolie und Alec Baldwin höchst prominent besetzt, berichtet der Film am Rande auch wieder vom Versuch, die fähigsten deutschen Raketenwissenschaftler nach dem Zusammenbruch aus Deutschland in die USA zu schleusen, um den Russen zuvor zukommen. Ansonsten liefert der auf einem sehr erfolgreichen Thriller basierende Film eine neue Version, wie es zum Fiasko der ”Schweinebucht”-Invasion 1962 kommen konnte, als die Amerikaner trotz Luftüberlegenheit vergeblich versuchten, mit Exilkubanern das Castro-Regime zu stürzen. Gekonnt mit verschachtelten Rückblenden erzählt De Niro von den schmutzigen Machenschaften der Geheimdienste, natürlich ganz aus der persönlichen Sicht der Protagonisten. Vieles wird nur angerissen, manches bleibt bis zum Ende gänzlich offen, und über einige Details streiten sich Filmfans bereits ausführlich in diversen Internet-Foren. Doch war der knapp 170 minütige Film auf keinen Fall langweilig.
Der nächste ”höchstpolitische” Film lief dann am Sonntag. ”Goodbye Bafana” erzählt die authentische Geschichte über den Gefängniswärter von Nelson Mandela, der seinen prominenten Häftling über viele Jahre auf der Insel Robben Island bewachen musste und sich in dieser Zeit vom überzeugten Anhänger der Apartheid zum zunächst heimlichen Sympathisanten der Freiheitsbewegung entwickelte. Sehr konventionell inzenierte der dänische Regisseur Bille August das knapp 2-stündige Drama mit Joseph Fiennes und dem deutschen Shooting-Star Diane Kruger. Dennis Haysbert, der Nelson Mandela verkörpert, schafft es genauso wenig wie die meisten seiner anderen Schauspielkollegen, tiefere Einblicke in sein monotones Gefängnisleben oder seine politischen Ideen zu geben. Dafür läßt ihm das Drehbuch viel zu wenig Raum. ”Anti-Apartheidskino für die ganze Familie” titelte denn auch folgerichtig eine große Berliner Tageszeitung. Sicherlich kein schlechter Film, doch auch hier hätte man noch etwas mehr erwarten können.
Abends lief dann der zweite Teil von Clint Eastwoods Kriegsdrama um eine der größten und dramatischten Schlachten. ”Letters from Iwo Jima” komplettiert den bereits vor zwei Monaten im Kino gestarteten Film “Flags of our Fathers”. Diesmal wird ausschließlich die japanische Sicht gezeigt und Ken Watanabe spielt den kommandieren japanischen Offizier, der um die Undurchführbarkeit seiner Aufgabe weiß, die Insel gegen die angreifenden Amerikaner zu verteidigen. Ein filmisches Experiment, die zwei Seiten einer Schlacht einmal nicht in einem Film zu zeigen, wie es häufig schon (mit zumeist fragwürdigem Ergebnis) probiert wurde, sondern adäquat auf zwei Filme aufzuteilen. Ob ”Letters from Iwo Jima” wirklich der bessere der beiden Teile ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ein Zusammenschnitt in ein einziges Werk jedenfalls würde die Erzählstruktur zerstören. Auch von Seiten der Schauspieler gibt es zwischen beiden Teilen keinerlei Überschneidungen und nur ganz wenige Szenen knüpfen direkt aneinander an, wenngleich beide Filme nahezu parallel entstanden.
Das waren auch schon die interessantesten Werke mit politischen Inhalten der ersten Tage. Sicherlich beinhaltete auch das französische Aids-Drama “Les temoins – Die Zeugen”, welches ich persönlich recht uninteressant fand, versteckte Sozial- und Gesellschaftskritik. Als erschreckend in jederlei Hinsicht erwies sich das am Mittwoch gezeigte Werk “300” von Zack Snyder – eine Comicverfilmung, der den Kampf der Spartaner und anderer Griechen gegen die übermächtige Armee der Perser zeigte. Einmal abgesehen vom nahezu unermüdlichen Gemetzel mit abgetrennten Armen und Beinen, was etwas durch den surrealistisch verfremdeten Filmstil (alle Darsteller agierten vor grünen oder blauen Flächen; erst später wurde die Umgebung digital hinzugefügt) aufgefangen wurde, bleibt die politische Botschaft – wenn es hier denn überhaupt eine gab – höchst fragwürdig: Der Kampf der ”guten” Griechen gegen die heidnischen Perser kann ohne weiteres auch auf den Kampf des Westens (oder der Demokratie?) gegen den Islam übertragen werden, wobei sich die Spartaner dann als militärische Vorgänger der US-Marines sehen müßten. Immerhin, ”300” blieb auch der am schwächsten besuchte Film der Berlinale; selbst am Abend waren noch für die Gala im Berlinale-Palast Freikarten für die Presse erhältlich – sonst ein Ding der Unmöglichkeit.
Sicherlich sehr ehrenwert gemeint war sicherlich auch ”Bordertown” von Gregory Nava mit den Stars Antonio Banderas und Jennifer Lopez: Vor der Hintergrund hunderter ermordeter Arbeiterinnen in Grenzstädten, die sowohl Opfer von ausbeuterischen Fabrikbesitzern als auch der brutalen Macho-Gesellschaft wurden, die Vergewaltigungen (und Ermordung) offenbar als Kavaliersdelikt ansieht. Am Pranger stehen hier der untätige Staat ebenso wie die zur Komplizenschaft neigende mexikanische Polizei. Leider wurde der Film nicht immer seines hochsensiblen Themas gerecht; manche gut gemeinte Filmszene reizte zu unfreiwilligen Lachern und vieles wirkte zu dick aufgetragen und unglaubwürdig. Immerhin bot die Aufführung des Films den mitangereisten Vertretern der Angehörigen von Opfern eine Plattform für die Darstellung ihres Anliegens – dem Kampf gegen die Gleichgültigkeit und des Verschweigens dieser Verbrechen durch die Gesellschaft.
Fraglos gab und gibt es in anderen Sektionen, im Forum und im Panorama, noch viele weitere Entdeckungen zu machen. Es bleibt abzuwarten, was die nächsten vier Tage noch an Überraschungen bringen werden.
Home of the Brave, USA 2006 Regie: Irwin Winkler von Rebecca Tan Hamburg, 14.02.2007
The “brave” in this case are four U.S. soldiers in Baghdad, who are counting the few days left to return home. They have one last mission, namely, taking medical supplies to Iraqis, and—surprise, surprise—they are ambushed. Cut to Spokane, Washington where they have returned, the worse for wear. Vanessa has lost a hand; Jamal runs amok because he had to shoot an Iraqi woman and his girl friend rejects him; Tommy saw his best friend die, and Dr. Will Marsh’s wife and teen-aged son do not understand him or his nightmares. The traumatized new civilians seek help from each other and from army psychologists. In the end, one sort of settles down, one falls in love, one is dead, and Tommy nobly returns to Iraq because he “keeps thinking of the men over there and can’t leave them to do the job alone.”
This film by Irwin Winkler with Samuel L. Jackson, Jessica Biel, Curtis “50 Cent” Jackson and Christina Ricci in a cameo role could be called Flag-of-our-Fathers-light. It is a potpourri of every coming-home, war-film cliché imaginable. People ask, “How was it? Did you shoot anybody? Did you kill anybody?” Vanessa’s love interest says, “It only takes one good hand to push people away.” Others say, “I am doing my job and am damn good at it.” “Nothing makes sense any more.” “Don’t give me tranquillizers; everyone is trying to drug me.” The ending leaves the unfortunate impression that war is a worthy goal and we should be impressed with Tommy’s decision to return to the battlefield, when in fact he failed to adjust to a stateside job, leaving the army his only option. Perhaps the film could be successful as a series on U.S. television, soap-opera style, for conservative Americans. Otherwise, except for a three-minute segment where Dr. Marsh supports his son for wearing a t-shirt that says Buck Push, against school rules, the film is completely superfluous, if not a subversive propaganda film for war.
Das Streben nach Glück, USA 2006 Regie: Gabrielle Muccino von Oliver Schumann Hamburg, 31.01.2007
»Vom Tellerwäscher zum Millionär«. Dieser Ausspruch ist inzwischen ein geflügelter Satz, der den Amerikanischen Traum beschreibt. Für nicht wenige hat er sich erfüllt, doch die Zeiten ändern sich! Heute ereignen sich solche Steil-Karrieren kaum noch, zumal wenn sie auf Anstrengung und Ausdauer beruhen, – auch und gerade nicht in den USA. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb Hollywood eine, auf einer wahren Biographie beruhende Geschichte, die sich 1981 in San Francisco zutrug, auf Celluloid bannte. Sie behandelt den sozialen Abstieg, die Mühen um einen Neuanfang und den Erfolg von Chris Gardner. Das Besondere daran: Der Protagonist ist Afroamerikaner und er hat seinen über alles geliebten, fünfjährigen Sohn Christopher an seiner Seite.
Der Film wird von Chris Gardner (Will Smith) in fünf Kapiteln erzählt, um seinem Streben und den erlebten (Lebens)Lektionen eine Struktur zu geben. Es genügen an dieser Stelle jedoch oben erwähnte drei Abschnitte: Gardner ist ein ehrlicher, gutmütiger Mann und bemüht sich um Einkünfte als hoch motivierter Vertreter für teure, dabei unrentable medizinische Geräte, die er auf Vorrat angeschafft hatte. Er landet immer seltener ein Geschäft, was ihn und seine junge Familie unausweichlich in die Schuldenfalle tappen lässt. Das führt zunehmend zu Streit mit seiner (selbst in Doppelschichten arbeitenden) Frau Linda (Thandie Newton), die ihn (und das gemeinsame Kind) schließlich verlässt (sie zieht an die Ostküste). Gardner und Sohnemann landen auf der Straße und müssen, mangels Alternativen, in Männerwohnheimen übernachten. Der verantwortungsbewusste Vater sucht nach einer neuen Beschäftigung und entscheidet sich, nach einem Schlüsselerlebnis, für den Beruf des Börsenmaklers, nicht zuletzt, weil Zahlen und numerische Analysen ihm besonders liegen. Neben der liebevollen Fürsorge seines Jungen (gespielt übrigens von Smith´s leiblichem Sohn Jaden Christopher Syre Smith), setzt Chris trotz vieler Unwägbarkeiten alles daran, den Einstieg bei der renommierten Firma Dean & Witter zu finden, – auch damals kein leichtes Unterfangen. Zu guter Letzt wird er, nach größten Anstrengungen (und zur Erleichterung des Zuschauers), eingestellt. Vor dem Abspann erzählt eine Texteinblendung, dass der echte Chris Gardner sich Jahre später in der Branche selbstständig machte und vermögend wurde.
Wenn man den Aspekt der typisch amerikanischen Mentalität des »Anpackens« sowie den klassischen dramaturgischen Bogen mit Happy End (der in diesem Fall immerhin der Realität entspricht) beiseite lässt, dann bleibt ein ordentliches Stück Gefühlskino mit überaus soliden schauspielerischen Leistungen, besonders von Vater und Sohn Smith. Die Alltagsanekdoten, die Gardner während seines „Praktikums“ zu bestehen hat, dienen offensichtlich als dramaturgisches Würzmittel (ob sie 1:1 der Realität entsprechen, darf bezweifelt werden) und wurden aus diesem Grund hier nicht erwähnt. Was die vermeintlich opportune Botschaft des »Jeder ist seines Glückes Schmied« angeht, so ist diese sicherlich der besagten US-Mentalität geschuldet. Es ist nun mal ein soziologisches Prinzip, dass Leistung auf die ein oder andere Weise honoriert oder anerkannt wird. Chris Gardner – alias Will Smith – glaubt daran wie kaum ein anderer. Und es funktioniert, – jedenfalls 1981 in San Francisco.
Vitus, Schweiz 2006 Regie: Fredi M. Murer von Franz Witsch Hamburg, 12.11.2006
Perle der Kultur
“Bruno Ganz – wundersam einfühlsam”, so das Tagblatt der Stadt Zürich. Unser Opi ist eben doch und immer wieder der Beste. Er weiß, wie man mit Wunderkind Vitus umgehen muss (Fabrizio Borsani als sechsjähriges Kind, Teo Gheorghiu als zwölfjähriger Junge). Mami (Julika Jenkins) und Papi (Urs Jucker) sind dafür zu dumm. Wie die Welt um sie herum, die immer nur vordergründig auf den Erfolg schielt, um reich und schön zu werden. Als gäbe es keine inneren Werte. Im Menschen steckt so viel mehr. Die Liebe des Zwölfjährigen zu einem geschlechtsreifen Mädchen (Tamara Scarpellini), das sechs Jahre zuvor (Kristina Lykowa) für kurze Zeit sein Kindermädchen war, nur um zum Entsetzen von Mami das in sie gesetzte Vertrauen zu missbrauchen. Vati sieht’s weniger streng. Hat alles per Bewegungssensor gefilmt. Sieh’ doch, Tanzen und singen kann sie, und wie unser Kleiner Klavier dazu spielt. Ist doch putzig. Von wegen, dieses Luder; in meinen Klamotten, mit meinen Klunkern. Mutti bleibt von nun an zu Haus. Stöhn. Sechs Jahre später ist die Liebe wieder da. Meinst du etwa “Liebe mit allem drum und dran? Und was ist mit dem Sex?” Sieh’ doch, wie entwickelt ich bin. Mit richtigem Busen, und so. Da muss schon mal was richtiges ran. Du bist doch erst zwölf. Aber Sex ist doch nicht alles. Trotzdem, die Liebe darf nicht erwidert werden, zum Leidwesen unseres Jungen. Da sitzt er nun, verraten und verkauft. Er trägt’s mit Fassung, als sie ihn sitzen lässt, ganz allein im Gourmetrestaurant, vor all den erlesenen Leckereien, die er nun ganz allein aufessen muss. Das zeigt der Film zum Glück nicht mehr. Am Ende ist seine Liebe wieder da, in der ersten Reihe seines großen Klavierkonzerts mit einem richtigen Dirigenten, und alle fallen sie sich in die Arme vor Rührung, zumindest im Geiste, bei so viel Halleluja auch kein Wunder. Und mittenmang Vati und Mami. Sie schämen sich ihrer Tränen nicht mehr. Was für ein Spannungsabbau. Bis dahin gab’s so viele schmerzliche Irritationen. Unsere Perle der Kultur musste nämlich seine Liebe zur Musik vor aller Welt verbergen, gerade vor Mami. Er wollte endlich auch einmal so normal behandelt werden wie alle anderen auch – mit einem IQ, heruntergeflunkert auf etwas über 120. Wie?! Der hatte mal über 180. Mutti ist den Tränen nah, nein, sie weint tatsächlich, und die Fachwelt ist ratlos. Seien Sie doch froh. Sie haben einen gesunden Jungen. Das ist doch das wichtigste, oder? Ist doch wahr! Mutti geht in sich. Behandelt ihren Jungen endlich normal. So normal wie ich dich behandle?, fragt Opi. Noch normaler, antwortet der Kleine. Gelächter bei einigen Pressefuzzis. Jetzt erst kommt der Arme dazu, Mutti zu sagen, dass er sie ganz doll lieb hat. Sie zahlt mit gleicher Münze zurück: Ich liebe dich auch, mein Süßer. Er hat es sich verdient, mag sie erleichtert gedacht haben. Auf dieser Grundlage wächst wahre Genialität wie wir sie alle brauchen, damit zusammenwächst, was zusammen gehört, wie gesagt, zwischendurch im Geheimen. Opi hat den Fake zuerst bemerkt. Er ist eben unser Opi. Nicht nur ihm sei Dank wächst am Ende alles zusammen, auch weil sich unsere Perle im Internet und in der Börsenwelt bestens auskennt, sonst wär’s um Vatis Karriere nämlich geschehen gewesen. Wir Dummerchen merken’s immer erst zu spät, wie und dass alles zusammen gehört. Irgendwie alles. Auch Heuschrecken und Finanzströme sind lieb, wenn man sie gut behandelt. So kommt Opi endlich zu seinem Flugsimulator. Cool. Vitus ist begeistert. Darf ich auch mal ran? Komm rein, mein Junge. Du wolltest doch mal Pilot werden. Doch nicht? Nun, fliegen ist auch so richtig schön. Ein Videospiel auf höchstem Niveau, für die ganze Familie. FSK: beantragt ab Null Jahre.
Ein gutes Jahr (A Good Year), USA 2006 Regie: Ridley Scott von Franz Witsch Hamburg, 16.10.2006
Londoner Heuschrecke (Oskarpreisträger Russel Crowe) entdeckt auf einem französischen Weinberg erst den Menschen in sich und am Ende die Liebe seines Lebens. Wie schön. Auch Finanzmakler sind Menschen. Den Film hält doch nicht einmal der hartgesottenste Dreigroschenroman-Fanatiker aus. Scotts rührselig blutrünstiger Sandalenfilm “Gladiator” war schon nicht zu ertragen, auch mit dem farblosen Crowe in der Hauptrolle. Diesmal meint der Filmemacher vielleicht, einen von Humor getragen Film zu präsentieren. Das lässt sich zwingend aus den Dialogen und Bewegungen der Darsteller ableiten. Nur agieren diese noch nicht einmal unfreiwillig komisch. Übliche Klischees werden auch nicht bedient. Kurzum, nur Training für den Sitzmuskel.
Children of Men, GB 2006 Regie: Alfonso Cuarón von Oliver Schumann Hamburg, 05.10.2006
Ist dies Science Fiction? Nein, ist es nicht und soll es auch nicht sein. Nicht, wenn es nach Regisseur Alfonso Cuarón (Y tu mamá también) geht. Er bezeichnet sein Werk als Verfolgungsjagd-Film, ein Thriller, der im Jahre 2027 spielt. Die Vorlage selbst, ein Roman der bekannten Krimi- und Mystery-Autorin P.D. James (sie ist heute 86 Jahre alt und lebt in London und Oxford), ist bereits vor 10 Jahren erschienen. Seinerzeit blickte die Autorin in die nahe Zukunft (eben 30 Jahre voraus). Sie mag als Aufhänger die Idee von einem absehbaren Aussterben der Menschheit gehabt haben. Wie Cuarón in seiner Adaption, ging es auch der erfolgreichen Autorin weniger um den Part der Science an der Fiction, als vielmehr um die gesellschaftspolitischen und ökologischen Zustände in einer nicht mehr allzu fernen Welt, die aus verschiedenen Gründen immer schneller auf den Kollaps zusteuert.
Cuarón hat sich des Stoffes angenommen, um, wie er sagt, "Gelegenheit zu haben von heute zu reden […], ich wollte einen Film über die Gegenwart machen und die Umstände von heute und wie diese unsere Zukunft bestimmen." Seine düstere Vision vom Anfang der Endzeit erzählt bei aller furchteinflößenden Dramatisierung von der Kraft der Hoffnung. Und sie hat das Potential den Zuschauer nachdenklich zu stimmen und wach zu rütteln über gewisse (globale) Entwicklungen, die heutzutage vor unseren Augen stattfinden.
Was ist das also für eine Welt, Anno 2027, und was für eine Geschichte, die wir zu sehen bekommen? Nun, auf der Erde herrscht Chaos. Die allgemeine Ordnung ist praktisch überall zusammengebrochen. Anarchie, Bürgerkrieg und daraus resultierende Flüchtlingsströme prägen die sozialen Bedingungen der Menschheit. Der Hauptgrund für dieses globale Drama ist ein biologischer Defekt: Der Mensch hat seine Fortpflanzungsfähigkeit eingebüßt! Seit knapp 20 Jahren wurde, aus unerklärlichen Gründen, kein neuer Erdenbürger mehr zur Welt gebracht, das Schicksal des Homo sapiens scheint besiegelt, er wird in absehbarer Zeit aussterben. Es gibt dennoch einige Wenige, die sich organisiert haben, um sich für ein friedliches und gesundes globales Zusammenleben, eine neue Gesellschaft, einzusetzen. Dazu gehört auch, und ganz besonders, das sagenumwobene »Human Project«.
Großbritannien ist in dieser Situation der einzige Staat, der seinen Bürgern durch rigide, totalitäre Maßnahmen eine gewisse Stabilität gewährleistet. Zwar gibt es im Land recht umtriebige und gewaltbereite Anarchisten, aber der auf Denunziation abgestellte Überwachungsstaat, der rücksichtslos massiv gegen illegale (unerwünschte) Flüchtlinge vorgeht, hält die Ordnung mit einer hohen Polizei- und Militärpräsenz aufrecht. Soweit die Ausgangslage.
Der Zuschauer erfährt diese Welt (zunächst in London) vom Standpunkt Theos (Clive Owen) aus. Nicht nur wegen der großpolitischen Weltlage, sondern auch aus persönlichen Gründen, hat der ehemalige politische Aktivist mit seiner Zukunft abgeschlossen und geht mehr oder weniger abgestumpft (auch durch Alkohol) einer Bürotätigkeit nach. Theos letzter und einziger Freund ist sein ehemaliger Mitstreiter Jasper (Michael Caine). Der lebt mit seiner behinderten Frau in einem Wald versteckt bei London. Dort philosophieren die Altkameraden gerne bei einem Joint über den Zustand der Welt oder sie lassen die alten Zeiten bei lauter Rockmusik Revue passieren.
Der Film beginnt mit einer massenmedial verbreiteten Schlagzeile, die so gut wie niemand ungerührt lässt: Der jüngste Erdenbewohner, ein 18-jähriger Argentinier, ist einem Anschlag zum Opfer gefallen. Nicht viel später wird Theo entführt, nur um sich – nach beinahe 20 Jahren – seiner Exfrau gegenübergestellt wieder zu finden. Julian (Julianne Moore), polizeilich gesuchter Kopf einer illegalen Vereinigung für die Rechte von Flüchtlingen, bittet Theo um Hilfe für eine junge Immigrantin namens Kee. Theo soll über seinen reichen und einflussreichen Cousin Papiere für die junge Frau organisieren, so dass diese auf dem Weg zur Südküste ungehindert mehrere Checkpoints passieren kann. Ziel ist die verdeckte Ausreise Kees und in Folge der Kontakt mit Leuten vom »Human Project« offshore im Ärmelkanal.
Was niemand zu ahnen wagt und Theo selbst erst spät erfährt ist der Umstand, dass Kee hochschwanger ist! Durch unvorhergesehene Schwierigkeiten bleibt Theo an Kees Seite und wird zu ihrem Beschützer, während beide sich, gemeinsam mit einer ehemaligen Hebamme, zur Küste durchschlagen.
Das bis hier beschriebene Leinwandprojekt entfaltet seine Stärke und Qualität dann tatsächlich sehr überzeugend als Endprodukt, als fertiger Kinofilm. Es gelingt ihm aus 2 Gründen.
Grund 1: Cuarón legt eine handwerklich hervorragende Arbeit vor. Die frühe Entscheidung, möglichst viele lange Sequenzen zu drehen und überwiegend eine Handkamera einzusetzen, unterstützt die Wirkung von Plot und Setting optimal. Diese Methode, zu bezeichnen als ein sehr realistischer Cinéma Vérité-Stil, lässt den Zuschauer mehr als sonst in die Szene eintauchen und ein Gespür für »Echtzeit« entwickeln. Trotz der fast-dokumentarischen Bildgestaltung hat man nie das Gefühl, das Bild sei unruhig, nervös oder dilettantisch. Im Gegenteil, die zuweilen minutenlangen Einstellungen lassen den Zuschauer staunen, sobald er die ungewöhnliche Drehweise bewusst wahrnimmt. Trotz des dunklen und dreckigen Looks und der sehr subjektiven, »neugierigen« Kamera, bietet Cuarón vollwertiges Kino und nicht etwa Doku-Material für TV-Nachrichten, auch wenn sein Bildkonzept von Letzterem inspiriert ist. Das Seh-Erlebnis ist eines, das gleichermaßen Spannung wie Bestürzung evoziert.
Grund 2: Cuarón kombiniert Bildinhalte, die in ihrer Neuanordnung eine Welt von morgen suggerieren, die aber für sich genommen alle bekannt, und (heute!) Ist-Zustand sind. Sei es Umweltverschmutzung (allerorten), ländliche Nutztierverbrennung (BSE-Keulung), Polizeipräsenz in der Öffentlichkeit (etwa bei Großdemonstrationen), Gefangenenbehandlung (Guantanamo / Abschiebungen), Flüchtlingslager in einer aufgegebenen Stadt (Ghettos) oder Straßenkampf (etwa Grosny oder Bagdad), all diese Dinge gibt oder gab es (aktuell) in unserem Kulturkreis. Polizeigewalt, Überwachung der Öffentlichkeit und grobe Flüchtlingsbehandlung in Europa sind Fakt und lediglich (noch) nicht allzu offensichtlich. Auch die Prämisse eines globalen Niedergangs ist – leider – keine Fiktion. Abgesehen vom Klimathema, dem weltumspannenden Terrorismus, Bürgerkriegen und Umweltskandalen, wie jüngst in der Elfenbeinküste (die zum Sturz der Regierung führte), stieg die Zahl der »Failed States« (gescheiterten Staaten) von 17 im Jahre 2003 auf 26 in 2006 (laut einer neuen Studie der Independent Evaluation Group (IEG) der Weltbank).
Cuarón gelingt die Verknüpfung von persönlich-menschlicher Story um das Hoffnungsthema mit fundamentaler Politikkritik, die er unprätentiös und neutral-chronistisch darstellt. Auf diese Weise ermöglicht er dem Zuschauer seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Dass dabei eine Erkenntnis sein kann, dass die (britische) Demokratie aufgrund von Umweltbedingungen in die Tyrannei abgleitet und jede Idee von Sozialethik verliert, das ist ein Gedanke, der jeden Kinogänger nachdenklich stimmen sollte. Die Zukunft hat immer schon heute begonnen.
Der Teufel trägt Prada, USA 2006 Regie: David Frankel von Oliver Schumann Hamburg, 05.10.2006
Wenn Geld die Welt regiert, dann ist die Modeindustrie ein wichtiges Ministerium und die Trend- und Meinungsmacher bilden dessen Chefetage. In dieser Abteilung spielt die Erkenntnisgeschichte der College-Abgängerin Andrea Sachs (Anne Hathaway), die genau dort ihren ersten Job landet. Ort der Handlung ist New York City, die Fashion-Hauptstadt der Welt (glaubt man den Filmemachern). Die geradezu jungfräulich wirkende Andy plant Journalistin zu werden, denn das Schreiben ist ihre Domäne. Sie möchte ihrer Berufung folgen und eine interessante Arbeit finden, Themen sind eher nachrangig. Aus diesem Grund ist die junge Frau in Haltung und Stil noch ganz sie selbst, als sie zum Bewerbungsgespräch beim wohl einflussreichsten Mode-Fachblatt, dem »Runway Magazine«, vorspricht. Das wird sich rasch ändern, nachdem Andy – als zweite Assistentin der Herausgeberin Miranda Priestly (Meryl Streep) – erkennt, dass Talent und Willen allein nicht genügen, um in der Branche, und vor allem als Rechte Hand Mirandas, zu bestehen.
Der Umstand, dass viele ihrer Vorgängerinnen nicht lange durchhielten, entfacht Andys Ehrgeiz. Sie will ihrer Chefin beweisen, dass sie besser ist, als alle Assistentinnen vor ihr, auch wenn sich die Anforderungen zunächst in Lunch-Organisation und Ticketbuchung erschöpfen. Andy begibt sich auf einen Weg, der sie – zum Verdruss ihrer Freunde und zur Enttäuschung ihres Freundes – äußerlich wie innerlich immer mehr verändert. Sie hat sich in kurzer Zeit modisch, und besonders mental, absolut an ihren Job angepasst und nähert sich – quasi Karriere machend – schließlich einer Position, von der ungezählte Frauen nur träumen können. Doch ist die extrem verlockende Mode-Glamour-Welt es wirklich wert, ein ganz anders tickendes Selbst aufzugeben? – Diese, bei Andy aufkeimende Frage deutet darauf hin, dass die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Lauren Weisberger mehr bietet als Style und Komik. Hinter einer opulenten Ausstattungsfassade mit komödiantischer Tönung durch eine aberwitzig agierende Über-Geschäftsfrau (herrlich Meryl Streep), verbirgt sich die persönliche Reifung eines Berufsanfängers in der heutigen, bedingungslos fordernden Businesswelt. Dabei steht die visuell höchst attraktive Trend- und Stil-Schmiede als millionenschwerer Berufszweig stellvertretend für viele Wirtschaftssparten, die, den Gesetzen des Marktes unwillkürlich folgend, zunehmend extreme Arbeitsbedingungen diktieren, um der erwarteten Rendite oder – wie hier – dem Prestige zu genügen.
Die Botschaften des Films sind unzweideutig: Karriere und Selbstverwirklichung vertragen sich schlecht, ohne Unterordnung und Anpassung gibt es keinen Aufstieg, und Macht und Reichtum können der Preis für persönliche Freiheit und Identität sein. Dieser Exkurs ins Reich der Modewirtschaft ist gelungenes Entertainment mit bitterem Nachgeschmack, – letzteres vor allem für Berufseinsteiger und das gehobene Management.
Silent Hill, USA 2006 Regie: Christophe Gans von Manfred Sanck Hamburg, 21.05.2006
Eine Geisterstadt ist der Hauptschauplatz des neuen Films von Christophe Gans („Der Pakt der Wölfe“). Es ist der erneute Versuch, ein populäres Videospiel auf die Kinoleinwand zu übertragen.
Gleich zu Beginn zeigt Gans, dass er weitaus mehr im Sinn hat als seine Vorgänger in dieser Film-Gattung („The Dark“, „Resident Evil“). Das bildgewaltige Gefahren-Szenario eines kleinen, schlafwandelnden Mädchens am Rand einer Klippe und der panisch nach ihr rufenden Mutter kann man fast schon als stilwütigen Exzess bezeichnen. Als Rose (Radha Mitchell) im letzten Moment ihre Adoptivtochter Sharon (Jodelle Ferland) in die Arme schließen kann, tut sich unter ihnen ein surreal anmutender Abgrund in eine andere Welt auf. Weil das Kind wie in Trance die Worte „Silent Hill“ murmelt, macht sich die Mutter mit ihr auf die Suche nach dem geheimnisvollen Ort. Die Begegnung mit einer coolen Motorradpolizistin mündet in einen Unfall. Die Tochter ist plötzlich verschwunden, und für Rose beginnt eine Odyssee durch ein nur vermeintlich ausgestorbenes Terrain, das zunehmend von furchteinflößenden und monströsen Kreaturen heimgesucht wird: Ein vergangene Katastrophe hat die Stadt in ein alptraumhaftes Zwischenreich verwandelt, in dem Hexen, Dämonen und religiöse Fanatiker ihr Unwesen treiben.
Der wilden Mischung aus biblischen Anspielungen und bisweilen abstoßenden, blutigen Konfrontationen fehlt es nicht an Einfallskraft. Die künstlerische Gestaltung und die maskenbildnerischen Entwürfe sind fraglos beeindruckend, doch die verschiedenen Elemente wollen sich nicht zu einer stimmigen Einheit verbinden.
Das Drehbuch von Roger Avery erweist sich durch seine dramaturgische Beliebigkeit ebenso als Schwachpunkt wie die mangelnde Charakterisierung der Figuren. Sean Bean etwa als Ehemann/Vater wirkt besonders deplaziert und bis zum in Maßen verunsichernden Finale wie ein wenig prägnantes Gegengewicht zu dem Ensemble der Frauen (u.a. Alice Krige und Deborah Kara Unger). Und die tatsächlich einem Videospiel gerecht werdenden Dialoge erweisen sich als irritierender Widerspruch zu den (über-)ambitionierten Visionen von Kamera und Regie.
Mission Impossible III, USA 2006 Regie: J.J.Abrams von Manfred Sanck Hamburg, 19.05.2006
Gleich die Auftaktszene soll den Unterschied zu den beiden Vorgängern schmerzhaft deutlich machen: Ethan Hunt (Tom Cruise), Agent der Spezialtruppe für unmögliche Aufträge, muss diesmal nicht nur um sein eigenes, sondern auch um das Leben eines geliebten Angehörigen kämpfen. Mit einer implantierten Bombe im Gehirn befindet er sich in der Gewalt eines Mannes (Philip Seymour Hoffman), der Hunts Ehefrau zu erschießen droht, wenn er nicht den Aufenthaltsort eines kryptisch als „Hasenpfote“ bezeichneten Gegenstandes erfährt. Während Hunt selbst in der verzweifelten Situation noch einen Handel zu machen versucht, zählt sein Gegenüber mit gnadenlos scharfer Stimme den Countdown des Todes ab. Dann fällt ein Schuss und die Szene geht über in die brennende Lunte mit dem vertrauten Musik-Thema.
Die Handlung springt zurück in glücklichere Tage des vermeintlichen Witwers. Hunt, der seine aktive Karriere an den Nagel gehängt hat und nur noch als Ausbilder tätig ist, steht kurz vor der Heirat mit seiner hübschen Freundin Julia (Michelle Monaghan), die natürlich keine Ahnung von seiner Profession hat. Und während man schon denkt, die Geschichte entwickelt sich zur leicht kitschigen TV-Soap, komplett mit neugierigen Freundinnen der Braut und oberflächlichen Dialogen, lässt sich Hunt gerade noch rechtzeitig zu einem riskanten Einsatz überreden: Mit seinem alten Mitstreiter Luther (Ving Rhames) und zwei neuen Team-Mitgliedern (Jonathan Rhys Meyers, Maggie Q) soll er eine Kollegin aus der Gewalt des Waffen-Händlers Davian (Hoffman) befreien.
Es ist die erste von drei längeren Action-Sequenzen, in denen der mit erfolgreichen TV-Serien („Alias“, „Lost“) bekannt gewordene Regisseur J.J.Abrams unter Beweis zu stellen versucht, dass er auch ganz großes Kino machen kann.
Mit der spielerischen Eleganz eines Brian De Palma hat das allerdings eben so wenig zu tun wie mit den zugegebenermaßen eher ins Lächerliche tendierenden stilistischen Übertreibungen und grotesken Selbstzitaten eines John Woo. Stattdessen passt sich Abrams’ Inszenierungsweise dem herrschenden Trend an, die „action“ derartig mit explosiven Effekten zu überladen, dass jegliche Orientierung verloren zu gehen droht. So dauert es geraume Zeit, bis zu der hektischen Dynamik wenigstens ein gewisses Maß an Spannung ins Spiel kommt. Einfallsreicher und nicht ohne Witz ist etwa die Passage im Vatikan, in der eine im Schnellverfahren hergestellte Gesichtsmaske für eine ungewöhnliche Konfrontation auf der Herrentoilette sorgt.
Natürlich ist längst nicht alles, wie es schien, wenn der Film dann zu seinem klaustrophobischen Beginn zurückkehrt. Ein paar Wendungen und eine bedingt originelle Demaskierung münden in einen wilden, überzogenen Showdown. Dass die neue Version des existentiell bedrohten Helden am Ende längst nicht so düster und beklemmend ausfällt wie beabsichtigt, liegt weniger an dem gewohnt routiniert agierenden Cruise und Hoffmans eiskaltem Schurken-Porträt als an der über weite Strecken allzu mechanisch ablaufenden, auf spektakuläre Höhepunkte fixierten Inszenierung.
16 BLOCKS, USA 2006 Regie: Richard Donner von Manfred Sanck Hamburg, 19.05.2006
Wenn ein von einem anonymen Anrufer bedrohter Mann in einer Telefonzelle („Phone Booth“) Stoff genug für einen abendfüllenden Spielfilm abgibt, dann erscheint der 16 Straßenzüge umfassende Schauplatz des neuen Thrillers von Richard Donner geradezu wie ein riesiges, unübersichtliches Areal. In Richard Donners Film soll ein Polizist einen Häftling zum Gerichtsgebäude transportieren. Der an sich unproblematisch klingende Vorgang wird jedoch zum gefährlichen Unternehmen, weil die anstehende Aussage des Mannes korrupte, zu allem entschlossene Gesetzesvertreter auf den Plan ruft. Wie in einem modernen Western wird die Überwindung der Häuserschluchten zu einem Trip durch feindliches Gebiet. Die Figurenkonstellation macht „16 Blocks“ zudem zu einem klassischen „Buddy“-Movie.
Bruce Willis spielt den Protagonisten Jack im Gegensatz zu seinen üblichen Action-Rollen als ausgebrannten, wenig vorbildhaften Polizisten mit Bauchansatz und Alkoholproblemen. Wie seinerzeit Eddie Murphy in „48 Stunden“ ist der Rapper Mos Def als Häftling ständig am quasseln und geht seinem Bewacher zunächst ziemlich auf die Nerven. Doch anders als die das aktuelle Genre-Kino dominierenden, zynischen Gesetzesbrecher ist er ein Mann mit Idealen. Seinem Glauben, dass sich Menschen zum Positiven verändern können, kann sich selbst der desillusionierte Cop auf Dauer nicht entziehen.
Natürlich darf es in einem Film von Richard Donner („Lethal Weapon“) nicht ohne handfeste Action abgehen. David Morse als Polizist mit jeder Menge Dreck am Stecken gibt den durchaus klischeehaften Schurken, der vergeblich Jacks’ Loyalität einzufordern versucht. Bei der gnadenlosen Jagd auf die beiden Männer gibt es keine Rücksicht auf Verluste. Selbst ein vollbesetzter Bus bietet da keine Sicherheit vor dem Waffenarsenal der Gegner. So wechselt die Handlung zwischen intimen Szenen einer emotionalen Annäherung und bleihaltigen Konfrontationen in klaustrophobisch zugespitzten Situationen.
Dass der Kampf gegen die Übermacht und der Einsatz für seinen Schützling aus Jack einen besseren Menschen macht, ist von vornherein in der Geschichte angelegt. Da ist es keine Überraschung, dass der Film die düstere Vision einer von allgegenwärtiger Korruption geprägten Großstadt in einer allzu berührenden Schlusswendung ausklingen lässt.
Der ewige Gärtner, England 2006 Regie: Fernando Meirelles von Manfred Sanck Hamburg, 18.05.2006
Der britische Diplomat Justin (Ralph Fiennes) ist der Prototyp eines unpolitischen Menschen, der sich lieber seinem botanischem Hobby widmet als sich mit den schockierenden Verhältnissen um ihn herum auseinander zu setzen. Das ändert sich erst, als seine Frau, die Aktivistin Tessa (Rachel Weisz), bei ihrem engagierten Einsatz für die unter AIDS und Armut leidende Bevölkerung Kenias einem Mordanschlag zum Opfer fällt.
Die Verfilmung des Romans „The Constant Gardener“ von John Le Carré ist eine Mischung aus Politdrama, Verschwörungs-Thriller und Liebesgeschichte, die der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles („City of God“) einmal mehr mit einer virtuosen Farbdramaturgie, ungewöhnlichen Einstellungen und einem aufgeregten Handkamera-Stil in Szene gesetzt hat. Während der still trauernde Justin (wie es nur Fiennes kann), auf der quälenden Suche nach den Hintergründen und einem möglichen Seitensprung seiner Frau, Schritt für Schritt den kriminellen Machenschaften eines Pharmakonzerns auf die Spur kommt, wird in Rückblenden die Vorgeschichte des geradezu perfekt gegensätzlichen Paares erzählt.
Bei einer Pressekonferenz unterbricht Tessa Justins geschäftsmäßig abwiegelnden Vortrag mit feurigen Attacken gegen die menschenverachtende Politik der global Mächtigen, die jedem kritischen und sich dafür haltenden Zuschauer eine problemlose Steilvorlage liefern. Nur wenig später und nicht unbedingt glaubwürdig kommt es zu einer lächerlich stilisierten Sexszene. Schon hier kommt der Verdacht auf, dass es dem Regisseur mehr um das ehrgeizige, extravagante Experimentieren mit Farbpaletten und Bildschnitt geht als um die ums Überleben kämpfenden, in Slums dahin vegetierenden und als Versuchskaninchen missbrauchten Afrikaner. So lobenswert das Thematisieren des „vergessenen Kontinents“ als Spielball westlicher Interessen auch sein mag: die Geschichte um korrupte Politiker, skrupellose Geheimdienstler und profitgierige Pharmakonzerne hat der verschachtelten, Komplexität suggerierenden Erzählweise zum Trotz nicht viel Neues zu sagen.
Während den Afrikaner kaum mehr als die Rolle hilfloser Opfer zufällt, beschwört das Drehbuch auf predigende Weise einerseits das Schuldbewusstsein der Weißen, andererseits den aufrechten, märtyrerhaften Kampf einiger weniger gegen Unrecht und Gleichgültigkeit. Und am Ende wird der zur schmerzhaften Wahrheit gelangte Protagonist fast zu einer Christus-Figur, die sich in einem Bild unendlicher Trauer seinem Schicksal stellt.
Berlinale 2006. Ein persönlicher Rückblick von Volker Reißmann Hamburg, 15.03.2006
Ähnlich wie bei der Oscar-Verleihung dominierten auch bei der diesjährigen Berlinale wieder Filme, die ein mehr oder weniger politisches Thema hatten. Kommentatoren einiger Berliner Zeitungen meinten sogar, dass es der besonderen Vorliebe des Festivalleiters Dieter Kosslick zu verdanken sei, dass es so eine geballte Film-Ladung von eher düsteren und sozialkritischen Stoffen in den verschiedenen Sektionen gebe: Verschwörung im Nahen Osten ("Syriana"), Vergewaltigungen im bosnischen Bürgerkrieg ("Grbavica"), Gefangenenmisshandlung auf der kubanischen US-Basis ("The Road to Guantanamo"), Frauendiskriminierung im Iran ("Offside"), gescheiterte Integration eines Triebtäters in die Gesellschaft ("Der freie Wille"), die verzweifelte Suche nach Liebe in einer vom künstlichen Sex bestimmten Welt ("Elementarteilchen") – die Liste ließe sich mit Sicherheit noch endlos fortsetzen. Da fielen Filme wie Robert Altmans (absolut sehenswerte) Alters-Hommage an eine langlebige US-Country-Musikshow, die zumindest vordergründig nicht allzu gesellschaftskritische Inhalte aufwies, geradezu aus dem Rahmen. Auch die Jury wies mit Charlotte Rampling, Armin-Mueller-Stahl und dem Inder Yash Chopra Schauspieler oder Regisseure auf, die zu politischen Themen in der Vergangenheit durchaus selbstbewusst Stellung bezogen hatten.
Selbst ein vermeintlich eher unpolitischer Stoff wie die seit dem Disney-Film Pocahontas Mitte der 1990er Jahre auch bei uns bekannte Romanze zwischen der gleichnamigen Indianer-Prinzessin (deren Name in diesem Film allerdings nicht einmal genannt wird) und dem britischen Kapitän John Smith kann in diesem Kontext mühelos umgedeutet werden: Die vordringende „Zivilisation“ zerstört den Lebensraum der Eingeborenen, der im Einklang mit der Natur lebenden Ureinwohner. Ob diese tiefere Botschaft wirklich in "The New World" von Terrence Malick verborgen ist, mag strittig bleiben. Ohne Frage jedoch wartete dieser außer Konkurrenz gezeigte Film mit wunderbaren Landschaftspanoramen auf und überzeugte bei der Kameraarbeit durch viel Steadycam-Einsatz sowie auch durch vermeintliche oder wirkliche Spontaneität der Darsteller.
Regisseur Malick, der wohl gegenwärtig geheimnisumwitterste Außenseiter Hollywoods, der in 33 Jahren erst 4 Filme inszenierte, dafür aber auch mit fast jedem seiner Werke für großes Aufsehen sorgte und mit dem spektakulären und ebenso bildgewaltigen Kriegsepos "Der schmale Grat – The Thin Red Line" vor 6 Jahren auf der Berlinale den Hauptpreis einräumte. Nun nahm er sich einer der beständigsten US-Legenden der vergangenen 400 Jahre an. Er ist Meister genug, Kitsch zu umschiffen. Vieles wird aus dem Off erzählt, viele Handlungsmomente in von aufbrausender klassischer Musik unterlegten Bildraffungen zusammengefasst. Malick konzentriert sich ganz auf die bei den Hauptprotagonisten, wobei Colin Farell seltsam recht blass bleibt oder nur als Stichwortgeber zu fungieren scheint. Die Hauptlast ruht so auf den Schultern der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 14-jährigen Q'Orianka Kilcher, die – abgesehen von einigen kleinen Statistenauftritt in einem unbedeutenden Musikfilm – hier ihr Leinwanddebüt gibt und durch ihre mädchenhafte Unschuld, Neugier und Anmut überzeugt – was damit auch Parallelen zu der vermeintlichen Unverdorbenheit der Urvölker zieht – ein Thema, dass Malick bereits auch in "Der schmale Grat" mit den melanesischen Ureinwohner thematisierte. Man sollte den Film nicht als bloßes Geschichtswerk missverstehen oder eine historische Detailgenauigkeit erwarten. Er bleibt wohl vielmehr ein Versuch des Regisseur Malick, die eben beschriebenen Faktoren, Liebesgeschichte einerseits, Konflikt mit der Zivilisation andererseits in Bilder zu fassen.
Zur Überraschung der meisten Kritiker (und wohl auch vieler Zuschauer) bekam schließlich die europäische Koproduktion "Grbavica" den Hauptpreis, den Goldenen Bären, zugesprochen. Sicherlich kein unberechtiger Preisträger, allerdings kam der Film weder von der Länge von der Machart über das "kleine Fernsehspiel" hinaus – die Reihe übrigens, für den die mit dem ZDF und "arte" co-produzierte Produktion vermutlich auch gedacht war. Nun läuft das Werk nicht gleich im Fernsehspätprogramm, sondern erst einmal sogar im großen Kino. Erzählt wird die Geschichte von Esma, einer allein erziehenden Mutter, die mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara im Nachkriegs-Sarajevo lebt. Was das Mädchen nicht weiß: Ihr Vater war keineswegs ein bosnischer "Kriegsheld". Vielmehr ist sie das "Produkt" einer brutalen Vergewaltigung ihrer Mutter. Durch einen Zufall, eine bevorstehende Klassenreise, bei der Vergünstigungen für diejenigen Schüler gewährt werden, deren Väter im Krieg gefallen sind, kommt die Sache ans Licht, und am Ende klärt die Mutter ihrer Tochter über den furchtbaren Tatbestand ihrer Existenz auf. Ein ehrlicher, absolut sehenswerter Film von einer jungen Regisseurin aus dem ehemaligen Jugoslawien, doch angesichts der teilweise mehr als ebenbürtigen Film-Konkurrenz mutet die Entscheidung schon etwas merkwürdig an.
Den Silbernen Bären teilen sich in diesem Jahr dann gleich zwei Filme: Dies ist auf jeden Fall eine bewusst politische Entscheidung der Jury gewesen, die wegen des Karikaturen-Streits sowohl einen iranischen als auch einen dänischen Film – vermutlich sah sie sich bereits in der Rolle eines „Friedensstifters“ – prämieren wollte. Im Gegensatz zum bestenfalls durchschnittlich anmutenden dänischen Film "En Soap" von Pernille Fischer Christensen (bei dem es um einen Transvestiten geht, dessen Leben in Form einer TV-Seifenoper-Serie erzählt wird), hat der iranische Film "Offside" von Jafar Panahi den Preis mehr als verdient – auch der „Goldene Bär“ wäre meines Erachtens für den gelungenen Film durchaus denkbar gewesen. Panahi erzählt die Geschichte eines weiblichen iranischen Fußballfans, die vergeblich versucht, verkleidet in das Teheraner Fußballstadiums zu gelangen, wo gerade entscheidende Qualifikationsspiel zwischen dem Iran und Bahrein stattfindet. Frauen dürfen seit 1979 jedoch grundsätzlich nicht mehr in die Stadien, weil sie ja sehen könnten, wie dort die Männer fluchen und sich unzüchtig verhalten. Das junge Mädchen wird von den Soldaten, die den Eingang zum Stadium bewachen, natürlich trotz ihrer Tarnung als Mann entdeckt und zusammen mit einigen anderen "Täterinnen" in eine Art Pferch neben der Tribüne gesperrt. Der Reiz des Films ergibt sich nun daraus, dass von dem Fußballspiel selbst eigentlich – bis auf eine ganz kurze Szene eigentlich – nie etwas zu sehen ist. Wie die Mädchen und die Soldaten kann der Zuschauer den Verlauf des Spiels eigentlich nur aus den Ereignissen drum herum rekonstruieren. Als die Soldaten die Mädchen am Ende zur Religionspolizei fahren wollen, geraten sie in die vor Begeisterung über den Ausgang des Spiels jubelnden Massen auf den Teheraner Straßen. Deshalb bezeichnete der Regisseur sein Werk auf einer Pressekonferenz als einen der ersten Filme der Welt, dessen Zustandekommen wirklich nur vom Ausgang eines Fußballspiels abhängig gewesen sei. Wenn der Iran das Spiel verloren hätte, wäre auch das Filmprojekt gestorben. Durch die Zensur sei es auch nur gekommen, da man zunächst nur einen Strohmann als Regisseur angegeben hätte. Erst kurz vor Drehschluss sei den offiziellen Stellen klar gewesen, dass er den Film machen würde.
Natürlich gibt es bei jedem Festival dieser Art auch Enttäuschungen, wie in diesem Jahr beispielsweise der unsägliche Beitrag "Birds of Heaven/Les oiseaux du ciel" von Eliane de Latour, eine französisch-englische Koproduktion über Emigrationsversuche junger Männer von der Elfenbeinküste. Die ständig zwischen Europa und Afrika hin und her springende, zugleich aber wenig transparente und mythisch überfrachtete Handlung überforderte selbst gutwillige Zuschauer. Oder die peinliche Pressekonferenz zu "Elementarteilchen", bei der die deutschen Spitzen-Schauspieler Franka Potente, Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck und Nina Hoss aufgrund des ständig monologisierenden Produzenten Bernd Eichinger zur bloßen Staffage verkamen.
Da war die Retrospektive, die dieses Jahr den "Kino-Traumfrauen der 1950er Jahre" gewidmet war, manchmal wirklich ein idealer Rückzugs-Ort. Dort konnte man Filme, mit denen man im Fernsehen aufgewachsen ist, und die man eigentlich schon in- und auswendig kennt, wie die CinemaScope-Produktion "Pillow Talk/Bettgeflüster" mit Rock Hudson und Doris Day, noch einmal in bester Qualität auf der großen Leinwand genießen – und auch weniger bekannte, ungarische oder italienische Filme jener Zeit. Und auch hier gab es einen politischen Akt der Wiedergutmachung: Der legendäre Hollywood-Klassiker "Roman Holiday/Ein Herz und eine Krone" von William Wyler aus dem Jahre 1952/53 wurde mit einer neuen 35-mm-Kinokopie gezeigt, die man erst vor kurzem mit großem Aufwand für die DVD-Produktion hergestellt hatte. Neben der Reinigung von allem Schmutz und Kratzern wurde nun auch der Name von Dalton Trumbo nachträglich wieder in den Vorspann eingefügt, von dem ja bekanntermaßen die oscar-gekrönte Originalstory stammte, der aber ursprünglich in den Credits nicht genannt werden durfte, da er zu jener Zeit auf den Schwarzen Liste in Hollywood stand. Dass es etwas umstritten ist, ob man ein fertiges Kunstwerk – wie eben einen alten Spielfilm – so verändern darf, schien auch dem extra nach Berlin angereisten Archivleiter der Paramount-Pictures bewusst zu sein, denn verglichen mit einem Ölgemälde wäre es ja so, als wenn man einen kleinen Schönheitsfleck auf der Mona Lisa wegretuschieren würde. Andererseits erfährt damit nun nachträglich einer der ganz Autoren Hollywoods, Dalton Trumbo, der später übrigens auch das Skript zu "Spartakus" schrieb, nach nunmehr über 50 Jahren endlich seine wohlverdiente Anerkennung.
Lord of War (Händler des Todes), USA 2005 Regie: Andrew Niccol von Oliver Schumann Hamburg, 08.02.2006
Welchen cineastischen Stil für einen Kinofilm um ein brisantes Thema (Waffenhandel) wählt man vorzugsweise, wenn man als Filmschaffender der breiten Öffentlichkeit, also dem großen US-Markt (aber letztlich doch einem globalen Publikum) auf eingängige Weise die überaus dreisten Machenschaften in diesem Business vermitteln will? Eine Dokumentation mochte wohl niemand der vier Produzenten (unter ihnen Nicolas Cage) in Betracht ziehen, denn der Return-on-Investment sollte schließlich stimmen, zumal das Projekt aus eigenen Mitteln und denen ausländischer Investoren finanziert wurde (wie das Presseheft verrät). Nun ja, viele Wege führen bekanntlich nach Rom. Das vorliegende Ergebnis folgte anscheinend dem Konzept für ein Produkt, das von der Verpackung her so aussieht, wie ein Major-Blockbuster. Analytisch betrachtet jedoch kann es in den Augen ausgerechnet der US-Zielgruppe als nestbeschmutzende Polemik aufgefasst werden. So wundert es dann kaum noch, dass das zweistündige Edutainment-Experiment im Herkunftsland USA glatt durchfiel.
Wie also stellte man es an? Und wieso floppte der Film im Land der Waffennarren? Laut Verleihinfo bedienten sich die Projektentwickler der Persönlichkeitsmerkmale und vor allem der Methoden (und tatsächlichen Machenschaften) von fünf real-existierenden Waffenschiebern. Man vereinigte diese Daten in einem fiktiven Charakter namens Yuri Orlov (dargestellt von Mitproduzent Nicolas Cage). Yuri erzählt seine Karriere als erfolgreichster Waffenhändler weltweit. Er tut das im Sinne des Wortes, indem er seinen Werdegang per Voice-Over kommentiert. Das ist eine cineastische Ausdrucksweise, die gefällt oder nicht, die hier jedoch zur Plotstruktur passt und der Handlung auf elegante Weise manch notwendigen Zeitsprung erklärt.Desweiteren ließ man die Handlung vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Überwindung des Kalten Krieges spielen, gewiss ein historisches Datum, das für den Waffenhandel von ausgesprochener Bedeutung war, gewährte die Auflösung des Warschauer Paktes doch den Zugriff auf ein gewaltiges Reservoir an Waffen jeder Größenordnung.
Den beruflich bedingten Schauwerten Yuris stellte Drehbuchautor, Produzent und Regisseur Andrew Niccol (Gattaca) die private Ebene des Anti-Helden gegenüber. Yuri Orlovs Eltern sind Einwanderer aus der Ukraine. Es verschlug sie neben vielen Landsleuten nach New York City ins Emigrantenviertel, das man mit Little Odessa bezeichnet. Dort betreiben sie brav ein müdes Restaurant mit heimatlandesüblichen Speisen. Die Eltern – mit jüdischen Wurzeln – sind einfach, bescheiden und ehrlich. Der jüngere Bruder Yuris arbeitet in der Küche der elterlichen Gaststätte. Vitaly (gespielt von Jared Leto) entpuppt sich im Verlauf der Geschichte zwar zunehmend als das moralische Gewissen seines Big Brother, aber der Jüngere kommt – klassisch hierarchisch und gemäß der ihm zugewiesenen Plot-Funktion – gegen den Älteren nicht an. Er wird seinem Bruder unter (Gewissens-) Protest, aber absolut fraternisch, immer wieder helfen, besonders, wenn es brenzlig wird. Ansonsten ist Vitaly ganz der Lebemann mit autodestruktiven Tendenzen. Seine Promiskuität und vor allem seine Alkohol- und Kokainsucht sind gleichzeitig Gegenpol zum geordneten (konservativen) Privatleben Yuris sowie ein Echo auf dessen todbringenden Handel. Sein Schicksal wird jedoch nicht, wie man jetzt meinen könnte, durch Drogenkonsum, sondern effektvoll durch Yuris Ware besiegelt.
Lange bevor dies passiert, beginnt Yuri sich ein Doppelleben aufzubauen. Mit der gleichen Chuzpe und Aalesglätte, wie er seine Waffenschiebereien abwickelt, manipuliert er seinen alten Jugendschwarm, das Top-Model Ava Fontaine (Bridget Moynahan) in seine Arme, mit dem unvermeidlichen Resultat einer raschen Ehelichung. In Yuris Privatleben läuft alles wie geschmiert (kaum anders als geschäftlich), nicht zuletzt deshalb, weil er seiner Frau die Quellen seines Reichtums verschweigt. Ava ist schön und längst nicht ohne Selbstreflexion. Doch sie stellt keine Fragen, akzeptiert ihren Mann wie er ist und lässt ihm seine Freiheit(en), – bei allem gebotenen Wohlstand durchaus schlüssig. Der sich bald einstellende Nachwuchs, ein Sohn, macht das Familienidyll komplett.
Damit das Geldverdienen nun aber nicht allzu unbeschwert verläuft, brauchte es noch zweier gewichtiger Gegenspieler für Mr. Orlov. Zu nennen sei zunächst der direkte Konkurrent innerhalb der Branche: Altwaffenhändler Simeon Weisz (Ian Holm), der arrogante Grandseigneur, der schließlich ebenfalls einem Produkt seines Warenkorbes zum Opfer fallen soll. Der wirkliche Antagonist Yuris ist dann aber doch ein Vertreter des Gesetzes, der Interpol-Ermittler Jack Valentine (Ethan Hawke). Der harte Cop ist dem Mastermind oft ganz dicht auf den Fersen, kann ihm aber nie etwas nachweisen (sonst wäre der Film vielleicht schon nach der Hälfte der Zeit vorbei, doch schließlich geht es ja um die Machenschaften).
Es scheint als seien die Bösen in dieser Geschichte die Despoten vor allem Afrikas (als Waffenkäufer) und die korrupten Militärs des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs (praktischerweise ein Onkel Yuris) als Verkäufer von Waffen sowie auch die Exekutive in Gestalt von Jack Valentine, – nur eben Yuri nicht. Yuri ist und bleibt die sympathische Identifikationsfigur, die schlagfertig und (meist) abgeklärt den tüchtigen Geschäftsmann gibt. Dieser Umstand scheint dem Kalkül der Produzenten geschuldet zu sein. Würden die Macher Yuri als Widerling darstellen, so hätten sie wohl kaum eine Chance ihr Geld wieder einzuspielen, – der Film wirkte durch und durch müßig.
Regisseur Andrew Niccol treibt seine Lehrstunde dann aber doch auf die Spitze, als Yuri schließlich dingfest gemacht zu werden scheint (Achtung Spoiler weiter unten!). Der unverbesserliche »Händler des Todes« hat inzwischen alles was ihm lieb war verloren: Sein Bruder ist tot, seine Frau hat ihn mitsamt dem Sohnemann verlassen und seine Eltern haben ihm den Rücken gekehrt. Yuri sitzt in einem Verhörzimmer seinem Dauerverfolger Valentine gegenüber und hört sich geduldig an, wie dieser ihm siegesgewiss das zu erwartende Strafmaß ausmalt. Danach aber ist Yuri wieder am Zug. Selbstgefällig und gewohnt lässig sagt er dem verdutzten Polizisten seine sofortige Freilassung voraus und voilá, so trifft es ein. Der Grund: Yuri wird »von Oben«, sprich von höchster Stelle der US-Regierung, gedeckt und protegiert. Er sei doch nur ein kleiner Fisch, der dem großen manchmal hilft. Die großen Fische – und das bekommen wir vor dem Abspann noch mal in großen Lettern zu lesen – das sind die Staaten, die im Sicherheitsrat sitzen.
Spätestens jetzt ist die Botschaft klar, – auch jedem politikfremdelnden US-Jugendlichen. Den gebildeten Kinogängern (vorzugsweise jenen diesseits des Atlantiks) denen Außenpolitik kein Fremdwort ist, dürfte sich das Anliegen überschnell erschlossen haben. Deshalb mag diesen aufmerksamen Kinogängern das Werk zunehmend redundant erscheinen und letztlich langweilig werden. Dennoch, der Film funktioniert auf vielen Ebenen, wenn man Yuris Figur und die Präsentationsform als Kunstgriff begreift. Was wir sehen ist eine Mixtur aus Action, Politthriller, Roadmovie, Drama und schwarzer Komödie. Dafür gehen wir ins Kino und genau deshalb hat der LORD OF WAR das Zeug sein Publikum doch noch zu finden.
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